NEW! — Insight — No. 01 — Keep on paddling

Diesen Satz hat mir ein Freund aus Hamburg gesagt. Kurz bevor wir in unser neues Abenteuer aufgebrochen sind. Nicht wissend wie lange wir reisen werden und was genau auf uns zukommt. Er sagte mir: “Mark, keep on paddling! Egal wie hoch die Wellen auch sind!” Seit 2018 lerne ich das Leben, Reisen und Arbeiten in einem Bus immer besser kennen. Ich verstehe jetzt, was er damit gemeint hat.

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Wenn es um die eigene Person geht

Man denkt, wenn man mit einem Bus durch die Welt reist, wird alles besser. Das ist leider ein Mythos. Natürlich verbessert sich die Sicht auf ein paar Bereiche in seinem Leben. Das will und kann ich gar nicht abstreiten. Den Rucksack mit all seinen persönlichen Problemen trägt man immer noch auf seinem Rücken. Je nachdem ist er genau so schwer wie vorher. Ein entscheidender Faktor spielt hier eine ganz große Rolle: die Zeit. Beim Reisen kommt man schneller mit seinen Problemen in Berührung. Es fehlen die täglichen Ablenkungen. Der Zwang der täglichen Arbeitszeit in seinem Tagesrhythmus verloren. Die Treffen mit Freunden sind in einer Art und Weise auch vorbei. Zum Schluss fehlt noch das stream von Serien mit dem man ständig seinen Geist benebelt.

Extrem viel Zeit hat man zwar auch nicht, was ich in einem anderen Beitrag noch genauer beschreiben werde, aber grundsätzlich erhöht sich die Zeit. Es entsteht die Möglichkeit, um über sich und sein Leben, sein Verhalten nachzudenken. Das ist wunderbar, doch realisiert man recht schnell: Vor seinen Problemen kann man nicht weglaufen.

Auf so einer langen und unbekannten Reise arbeitet man viel mehr an sich selbst als je zuvor. Wodurch auch die Einstellung zu seinen Problemen früher oder später minimiert wird. Man hat die Möglichkeit öfters den Blick in die Ferne zu richten, die Natur zu genießen und dabei über sich und das Leben nachzudenken. Zudem nimmt man sich auch viel mehr Zeit, interessante Bücher zu lesen, egal ob sie gedruckt oder als E-Book verfügbar sind.

Das sind alles positive Aspekte. Ich für meinen Teil dachte, ich würde viel selbstbewusster werden, könnte alles viel souveräner auf mich zukommen lassen. Doch ich bin immer noch sehr zweifelnd und hinterfrage mich öfters viel zu kritisch. Entscheidungen zu treffen werden leichter, nur stehe ich trotzdem manchmal da und denke: “Das ist doch nun wirklich nicht schwer, entscheide dich doch endlich!”. Was für mich persönlich charakteristisch ist, ist das Problem zwischen dem Leben, wie ich es leben will und dem Leben, was ich anderen gerne mitteilen möchte zu selektieren. Das lässt mich zeitweise ganz schön straucheln. Die Neuen Medien sind hierbei Fluch und Segen. Dazu in einem späteren Artikel mehr.

Auf der anderen Seite lebe ich besser in den Tag hinein, was zuvor nicht so der Fall war. Ich lasse mich zudem von Unwägbarkeiten nicht sofort von meinem Weg abbringen. Ich genieße Momente intensiver und wertschätze die Zeit mit tollen Menschen um ein vielfaches mehr. Es hatte sich schon mit meiner vorherigen Zeit als Freiberufler angedeutet, aber ich empfinde nicht mehr so viel Angst oder habe unruhige Nächte. Das minimale Unbehagen die Reise könnte frühzeitig scheitern, ist zum größten Teil verflogen.

Ein Satz, den ich sehr gerne anderen mit auf den Weg gebe, ist Folgender: Wenn eine Tür zugeht, geht auch eine andere wieder auf. Es gab Momente, in denen es schwierig erschien. Doch die Lösung kam auch so schnell, wie das Problem selbst auftrat. Wenn du offen und ehrlich durch die Welt gehst und dich nicht verstellst, dann wird es von den Menschen bermerkt und helfen dir vielleicht in einer schwierigen Situation. Außerdem merke ich, wie mir die Größe und der monetäre Wert einer Sache nicht mehr wichtig erscheint. Ehrlicherweise war es noch nie so stark bei mir. Dennoch nistet sich dieses Verlangen beiläufig ein. Ich will lieber mehr Freiraum haben, in dem ich mich verwirklichen kann. Dabei spielt der schnelle Schritt in die Natur eine wichtige Rolle.

Unverhofft kommt oft

Neben seinen mentalen Problemen kommen die Schwierigkeiten rund um den Bus hinzu. Es treten Situationen auf, in denen der Bus streikt, nicht mehr will oder kann. Reparatur(en) stehen an. Zunächst sind wir sehr angespannt, ein wenig ratlos und überlegen wie wir das alles schaffen können. Wir sind keine Automechaniker, sodass wir vieles nachlesen oder erfragen müssen. Das kostet Kraft und Zeit. Doch dieses mulmige Gefühl wurde über die Zeit immer besser. Wie ihr seht, lernt man nicht nur die Schattenseiten kennen, sondern wächst auch ständig an seinen Herausforderungen.

Es ist komisch, aber die Reparaturen nehmen wir mittlerweile sehr gelassen hin. Es sind Investitionen, die wir mehr oder weniger einkalkuliert haben. Nicht direkt in der Höhe, das ist klar, aber das sie auf uns zukommen würden war uns beiden von Anfang an bewusst. Der wichtigste Punkt ist jedoch, wir möchten aktuell nicht, dass unsere Reise endet oder vielmehr daran scheitert. Reisen ist ein Teil von uns geworden und wir haben es verinnerlicht. Das wir aber auch für die Zukunft einen stationären Platz suchen ist uns beiden sehr wohl bewusst.

Eine Beziehungskiste

Auch die Probleme oder Unstimmigkeiten miteinander können etwas häufiger auftreten. Das ist zwangsläufig der Fall, wenn man sich sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag in einem Bus befindet. Das ist schon für viele Menschen schier undenkbar.

Auf einer so langen Reise lernt man alle Facetten eines Menschen kennen. Man erkennt, ob persönliche Angewohnheiten zuvor offen gelebt oder unterdrückt wurden. Wie geht man mit Hygiene um? Wie kommt man mit dem ständigen Reisen zurecht? Wer kocht wann und was? Kann der andere mit Ruhe umgehen?

Der Bus wird der Lebensmittelpunkt und der Platz zum Ausbrechen ist begrenzt, trotz der schönen weiten Welt da draußen. Doch jeder muss für sich einen Ort oder eine Art finden, sich zurückziehen zu können. Das ist sehr wichtig für einen selbst und die Beziehung. Außerdem muss man die Probleme offen und ehrlich ansprechen, sonst werden sie einem beim nächsten Gespräch um die Ohren gehauen. Obwohl wir zeitweise Unstimmigkeiten über unsere persönlichen Vorstellungen haben streiten und diskutieren wir viel intensiver. Ich denke, so wäre es in unserer Wohnung in Stuttgart niemals abgelaufen. Nach einer gewissen Zeit entstehen wirklich wunderbare Gespräche. Ich hätte so etwas nicht für möglich gehalten.

Ich werde in einem anderen Beitrag ein wenig mehr über die Streitkultur, während einer mehrmonatigen oder sogar mehrjährigen Reise schreiben. Es ist schon interessant, was einem dabei so alles auffällt.

Eure Meinung ist gefragt

Nun möchten wir natürlich eure Meinung hören. Wie empfindet ihr das ständige Reisen? Habt ihr euch das auch anders vorgestellt oder trifft dieser Artikel eher eure Erwartungen? Wie geht ihr mit den auftretenden Problemen um? All das ist sehr spannend für uns zu erfahren. Man lernt nie aus im Leben.