Moldawien — Mehr als nur eine Durchreise

Moldawien ist ein sehr kleines Land. Man übersieht es quasi auf der Landkarte. Vor unserer Reise kannten wir nichts darüber. Einzig, dass es das ärmste Land Europas sein sollte. Mehr aber auch nicht. Es juckte uns regelrecht in den Füßen das Gaspedal durchzudrücken und auch dieses Land kennenzulernen. Dafür sind wir ja unterwegs.

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Im Gegensatz zur Ukraine sind wir ziemlich schnell über die Grenze gekommen. Gott sei Dank. Lustig war nur, dass wir den Grenzübergang beinahe übersehen hätten. So klein war er. Zur Erklärung: nach der Ausreise aus der Ukraine befindet man sich zunächst auf einer Transitstrecke. Diese existiert, um den Ukrainern die Durchreise zu erleichtern, denn ein Stück von Moldawien unterbricht die Ukraine. Nachdem wir dann in Moldawien waren, mussten wir seit Norwegen wieder einmal Maut bezahlen. Die Bezahlung war uns schleierhaft und wir mussten uns erst einmal durchfragen. Am Ende hatten wir auch dieses Problem gelöst.

Anschließend fuhren wir über wunderbare Straßen. Es waren regelrechte Alleen. Aus einem bestimmten Grund wurde es zu einem wahren Erlebnis: es gab so gut wie keine Schlaglöcher mehr. Wir genossen es spürbar dahin zu gleiten und Justus zahlte es uns mit einem schnurrenden Motor zurück. Unsere Blicke schweiften über das weite Land mit all den herbstlichen Braun- und Rottönen.

Einer der vielen Straßenhunde: Wolfi

Weinberge prägen das Land

Moldawien ist ein Weinland. Auf unserem Weg sahen wir viele Anbaugebiete. Beim Kauf von Wein achten wir selten auf das Herkunftsland und die Region. Wir lassen uns da eher überraschen. Das wird sich in Zukunft vielleicht ändern, denn den Wein, den wir hier kosten durften schmeckte uns wirklich sehr gut.

Es geht noch billiger

Wahnsinn! Das hätten wir nicht gedacht, aber es ist wahr. In Moldawien ist der Dieselpreis nochmals billiger wie in der Ukraine. Und das war in unseren Augen schon kaum zu unterbieten. Ein Liter in Moldawien kostete unglaubliche 85 Cent.

Außerhalb von Chișinău

Einfach mal abbiegen und fragen

Als wir auf der Straße in einen Weg abbogen, der uns gut genug erschien einen tollen Schlafplatz zu finden, mussten wir erneut ein wenig schwitzen. Denn dieser Weg hatte es am Ende doch in sich. Riesige Spurrillen, in denen wir ganz leicht mit dem Fahrwerk aufsetzen würden. Gehörig steil wurde es am Ende auch noch. Wir sahen uns an und dachten nur: „Man, können wir es uns nicht einmal einfacher machen?“. Aber wir mussten nun darunter. Egal wie.

Als wir den Hügel herunterkamen, sahen wir zwei kleine Bauernhöfe. Da die Nacht langsam hereinbrach fackelten wir nicht lange und sprachen die Menschen dort an, ob wir auf dem kleinen Feld über Nacht stehen dürfen. Leider verstand die ältere Frau überhaupt kein Englisch. Wie hätte es auch anders sein sollen. Ein bisschen ukrainisch ging. Der Enkel dagegen wusste sofort Bescheid. Sie erlaubte es uns und wir waren glücklich nicht mehr weiter suchen zu müssen. Dies war der Anfang für einen wunderbaren Abend!

Während an unserem Auto Ziegen vorbei getrieben wurden, kamen aus dem benachbarten Haus weitere Menschen. Es war Ira mit ihrer Tochter Alina. Später durften wir noch die ganze Familie kennenlernen. Ihren Mann Anatoli und den Sohn Wanja. Sowie Sergi, der hauptsächlich für die Ziegen zuständig war.

Da unser Rumänisch (was hier hauptsächlich gesprochen wird) ein wenig eingerostet ist, mussten wir uns erneut mit dem Handy unterhalten. Anscheinend hat man mittlerweile überall in der Welt Empfang. Ich hätte im Französischunterricht wirklich besser aufpassen sollen. Wir verstanden uns gut und Ira war sehr interessiert was wir machen und wo wir herkommen. Aus dem nichts fragte sie auf einmal: „Wir müssen jetzt die Ziegen melken. Habt ihr Lust uns zu helfen?“ Was? Wirklich? Na klar helfen wir!

Wir hatten es noch nie zuvor in unserem Leben gemacht und waren sehr aufgeregt. Oh je, was für ein Anblick. Man hätte uns wirklich mal sehen müssen, wie wir kleine Spritzer aus den Ziegen heraus bekamen, während bei Anatoli und Sergi der Eimer mit jeder Ziege immer voller wurde. Wir saßen beim Melken beinahe im Dunkeln. Nur eine kleine Lampe schenkte uns Licht. Sie sagten uns, dass sie den Strombedarf reduzieren müssen. Erst, wenn es wirklich dunkel ist machen sie die Lampen an.

Nach diesem Spaß wurden wir noch zum Abendessen eingeladen. Wir saßen mit der ganzen Familie zusammen draußen am Tisch und sie entschuldigten sich häufig wie es hier aussähe. Sie sind gerade am Renovieren. In der Tat sieht es hier anders aus: rückständig, chaotisch, kaputt. Ich weiß nicht so genau wie man es besser ausdrücken kann. Dabei soll es auf keinen Fall abwertend klingen, denn es ist eher ein wunderbarer Anblick für uns. Wir können seit langem mit so wenig glücklich sein und genießen nicht das Äußerliche, sondern die Gemeinschaft und die Gesten der Menschen.

Jana & Alina

Nachdem wir nun einigermaßen wussten, wie sie hier lebten und wie begrenzt ihr Zugang zu Strom ist, kamen wir uns komisch vor. Wir hatten doch soviel Luxus in unserem Bus – optisch wie auch technisch. Durch unsere Solaranlage und den neuen Lithium-Ionen-Bordbatterien schalten wir die Lampen ständig und beinahe unüberlegt an. Wir leben, in unserem Maßstab gedacht, im Überfluss an Elektrizität. Doch seit der Herbst begonnen hat, sind auch für uns die Sonnenstunden weniger geworden.

Zum Essen gab es frische Tomaten, Ziegenkäse und Fisch. Wir wollten auch etwas zum Essen beisteuern und haben die pürierte Kartoffelsuppe aus dem Bus warm gemacht. Das schien uns angemessen. Doch leider schmeckte es der Familie überhaupt nicht. Anatoli aß einen Teller, während der kleine Wanja das Gesicht dabei verzog. Schon lustig, aber absolut in Ordnung für uns. Da stimmt wohl das Sprichwort: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.

Gemeinsam mit Ira, Anatoli, Alina & Wanja

Das hätte ich ja beinahe vergessen: es gab natürlich auch selbst gemachten Wein. Ziemlich lecker und ziemlich viel. Der hatte anscheinend einige Umdrehungen mehr, denn Abends ging es Jana gar nicht gut. Ich hatte ihn recht gut vertragen.

Der Abschied am nächsten Morgen war ziemlich schwer für uns. Wir haben die Familie allein durch den Abend sehr ins Herz geschlossen. Doch so schnell durften wir nicht fahren. Zum Abschied beschenkten sie uns reichlich mit Essen und Trinken, obwohl sie so wenig haben und dafür hart arbeiten müssen. Wir waren sehr gerührt und bedankten uns nicht nur einmal bei ihnen.

Zwei Kilo Ziegenkäse

Chișinău: Eine unaufgeregte Stadt

Wir lasen einige Worte über Chișinău. Es soll eine sehr hässliche Stadt sein. Das können wir so nicht unterschreiben. Sie hat ihren Charme und man findet hier und da tolle Ecken, die einen zum Ausruhen und Verweilen einladen. Der zentrumsnahe Park ist bei Sonnenuntergang herrlich. Ruderer drehen ihre Runden auf dem See und verliebte Menschen sitzen auf den Bänken, Mauern oder Treppen.

Warum diese Stadt für viele Menschen so negativ im Bewusstsein bleibt können wir uns nur so vorstellen, dass anderen Besuchern die Vielzahl an Sehenswürdigkeiten fehlen und zudem überrascht sind, wenn das Stadtzentrum nach wenigen Minuten schon zu Ende ist. Da wir Städte aber nicht mit diesen Kriterien bewerten und teilweise ziellos durch die Straßen spazieren, ist für uns Chișinău eine herrliche, unaufgeregte Stadt.

Chișinău Circus

Valea Morilor Park

Valea Morilor Park

Valea Morilor Park

Offene Quellen für frisches Wasser

Wir müssen seit längerem dem Umstand Tribut zollen keine direkte Möglichkeit zu haben an frisches Wasser für unseren Bus zu gelangen. Nicht, wenn wir keinen Campingplatz aufsuchen. In Skandinavien und dem Baltikum gab es häufiger Stationen zum Auffüllen und Entleeren. Umso entzückter waren wir als wir am Straßenrand ein Zeichen mit einem Wasserhahn erblickten. Es parkten ein paar Autos davor und wir erkannten, dass sie sich an einer frischen Quelle Wasser in große Plastikkanister füllten.

Denn wie in der Ukraine, kann man auch in Moldawien das Leitungswasser nicht trinken oder besser es wird stark darauf hingewiesen es nicht zu tun. Wir schnappten auch unsere beiden Kanister und füllten unseren 90 Liter Tank komplett auf. So hatten wir am Abend auch ein wenig Sport. Ich war mir nicht ganz so sicher was die Einheimischen mit dem Wasser machen würden. Am Schluss fragte ich einen, ob es Trinkwasser sei. Er bejahte es. Dennoch wollten wir hier kein Risiko eingehen. Wir hatten auch noch genug Trinkwasser für die nächsten Tage dabei.

Fazit

Einzig durch die Begegnung und den Abend mit Anatoli’s Familie ist Moldawien für uns ein Land mit vielen guten Erinnerungen geworden. Diese Erfahrung möchten wir nicht mehr missen. Doch wenn man ehrlich ist, dann ist Moldawien zwar ein schönes Land, doch kein Land was man unbedingt sehen muss, sondern eher kann. Bitte nicht falsch verstehen. Wir sagen nicht das dieses Land nichts zu bieten hat, wir finden gerade die unbekannteren Länder sind eine Reise wert. Um nicht ungerecht zu sein muss man erwähnen, dass es noch einige weitere Orte und Regionen gibt, die wir auf unserer Reise nicht gesehen haben. Doch falls die Reiseroute Moldawien ausschließen sollte wäre es aus unserer Sicht verschmerzbar.

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