Norwegen — Aurlandsdalen — Matsch, Schnee und Geröll

Der Auralandsdalen

Heute wollen wir den Aurlandsdalen wandern. Also auf gehts nach Østerbø, dem Startpunkt des 20 Kilometer Wanderwegs. Dort angekommen, ist die Straße zum offiziellen Parkplatz durch eine Schranke gesperrt – tja die Saison hat halt noch nicht begonnen. Egal, wir lassen Justus am Straßenrand stehen und laufen los, dann halt nochmal zwei Kilometer mehr. 

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Beschwerlicher Beginn

Schon nach dem ersten Kilometer entpuppt sich der Weg als suboptimal. Die Erde ist von der Schneeschmelze aufgeweicht und matschig. Teilweise liegt noch Schnee und wir müssen über kleine Flüsse hüpfen. Schon jetzt sind meine Schuhe nass. Hätten wir zu dem Zeitpunkt geahnt, was auf uns zukommt, wir wären sicher ganz schnell umgekehrt. Auch, dass der See noch fast komplett zugefroren war, hätte uns zu denken geben müssen.

Aber diese winterliche Landschaft ist wunderschön und die Sonne brutzelt vom Himmel. Also immer weiter. Die nächsten Kilometer lang ist die Strecke dann auch erstmal super. Wir laufen am See, direkt am Fels entlang, neben uns immer wieder kleine Wasserfälle mit Regenbögen. Dann ein Schild, die Strecke sei hier wegen Steinschlaggefahr gesperrt. Empfohlen wird den Teil über den Bjørnstigen, den Hügel rechts von uns zu umgehen. Na toll, hätten die das Schild nicht gleich zu Beginn des Wanderwegs aufstellen können? Wir wollen nicht erschlagen werden, also rauf auf den Hügel – sieht doch gar nicht so schlimm aus.

Schneefelder soweit das Auge reicht

Aber je höher wir kommen, desto mehr Schneefelder tun sich vor uns auf. Immer wieder müssen wir hindurchstapfen und sacken nicht selten bis zur Hüfte ein. Dreimal bekomme ich mein Bein alleine nicht mehr herausgezogen – ist ein ziemlich beklemmendes Gefühl. Es wird immer anstrengender über den Schnee zu laufen und meine Füße werden immer nasser. In diesem Winterwonderland können wir die Wegmarkierungen teilweise nicht mehr erkennen und auch die Laune wird nicht unbedingt besser. Unten sehen wir den eigentlichen Weg, der durch das Tal führt und wir wünschen uns dort zu sein. Aber es hilft ja nichts, wir müssen weiter. Wenigstens werden wir von oben gewärmt.

Der Weg wird mit jedem Kilometer, sorry, beschissener. Wir sehen irgendwann überhaupt nicht mehr wo es lang geht und schlittern die Steine hinunter. Ich muss immer wieder anhalten und das Wasser aus meinen Schuhen kippen. Irgendwann mühe ich mich dann gar nicht mehr ab über die Flüsse zu balancieren, sondern laufe einfach hindurch. Nasser kann es jetzt eh nicht mehr werden. Trotzdem, wir sind immer wieder begeistert von der Aussicht. Wir sind umgeben von so großen Bergen und der Fluss, der im Tal verläuft, zaubert eine durchaus magische Stimmung.

Endlich runter – oder doch nicht?

Irgendwann geht es dann bergab, also runter vom Berg mein ich. Und wow, wir freuen uns, der Weg ist befestigt. Sieht zwar trotzdem abenteuerlich aus, aber es gibt Trittstufen und Halteseile. Ich bin so erleichtert, dass es jetzt einfacher zu werden scheint. “Unten” angekommen merken wir dann aber, dass es noch lange nicht das wirkliche unten ist. Auf einmal gibt es dann auch keine Hilfen mehr, keine Befestigungen und keine Seile. Einfach nur ein Haufen Geröll, und zwar ziemlich steil bergrunter. Immer wieder darauf verteilt: Schnee. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich in diesem Moment wohl das erste Mal echt Angst hatte mein Leben zu riskieren, hier einfach abzustürzen. Mich überkommt eine kleine Panikattacke, aber ich versuche mich zusammenzureißen.

Ein Schritt nach dem anderen, ganz vorsichtig vortasten und tief durchatmen. Ich finde einen Stock, der sich wunderbar als Wanderstock eignet. Er gibt mir ein wenig Sicherheit und ich kann mit ihm gut vortasten wie locker oder fest die Steine sitzen. Der Weg zieht sich eine Ewigkeit hin und irgendwann sind die Wegmarkierungen verschwunden – wahrscheinlich sind wir komplett vom Track abgekommen. Ich gehe im Kopf die Notfallnummern durch und überlege, was ich tun soll, falls einer von uns abstürzt. Auf der anderen Seite des Bergs hört man zu allem Überfluss immer wieder Schnee oder Steine oder beides abgehen. Es ist jedenfalls ein extrem lautes und krasses Geräusch, was mir unsere Lage nicht sonderlich sicherer erscheinen lässt.

Das war keine gute Idee

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen wir dann unten an und es fällt uns eine enorme Last von den Schultern. Auch Mark muss zugeben, dass ihm da oben nicht wirklich wohl war. Uns durchfährt ein kleiner Adrenalinschub. Wir brauchen erstmal eine kleine Pause zum Durchatmen. Jetzt sind wir wieder auf dem eigentlichen Weg, jetzt sollte es einfacher werden. Im Vergleich zu dem Stück davor, wird es das auch. Trockener wird es aber trotzdem nicht. Immer als wir denken, das war jetzt das letzte Schneefeld, kommt doch wieder eins. Langsam gewöhne ich mich auch an das seeartige Gefühl in meinen Schuhen.

Einfach drunter durch

Wir laufen an unzähligen Wasserfällen vorbei, die durch die Schneeschmelze spektakulärer und größer sind als sonst – immerhin ein Vorteil dieser Jahreszeit. An einem Wasserfall bedienen wir uns und füllen unsere Flaschen auf. Wow, ich glaube, ich habe noch nie so leckeres Wasser getrunken. Kurze Zeit später treffen wir dann endlich mal andere Wanderer. Es sind vier Franzosen, die von der anderen Seite aus gestartet sind. Sie sind total verblüfft, dass wir den ganzen Weg gewandert sind. Sie wollen nur bis zum ersten Schnee laufen. Ja, den hatten wir hier endlich hinter uns. Sie erzählen uns dann noch, dass sie zu Beginn ihrer Strecke unter zwei Wasserfällen hindurchlaufen mussten. Ok, es wird also nochmal spaßig.

Kurz vor besagten Wasserfällen gibt es dann aber eine kleine Wanderhütte. Diese ist zwar noch geschlossen, aber auf den Bänken davor können wir eine kleine Pause machen, etwas essen und die Socken wenigstens ein bisschen trocknen. Tja, hätten wir auch bleiben lassen können. Denn dann kommen sie und ja sie sind groß. Wir verpacken unsere Handys und alles wichtige in eine Plastiktüte und verstauen alles sicher im Rucksack und ziehen unsere Regenjacken drüber. Und dann gehts durch. Ich muss sagen, ich bin noch nie in so kurzer Zeit, so nass geworden. Wahnsinn, welche Kraft so ein Wasserfall doch hat. Hose und Schuhe sind pitschpatsch nass, aber wir haben ein Grinsen auf dem Gesicht. Das hat so Spaß gemacht.

Wir haben es geschafft

Danach schlängelt sich der Weg ziemlich einfach den Rest hinunter und wir kommen nach 8,5 Stunden endlich an. Das war was. Jetzt sind es noch weitere zwei Kilometer bis zur Hauptstraße, aber auf den normalen Wegen ist das nur noch ein Klacks. Müde sind wir aber trotzdem und hoffen, dass wir schnell zurück sind. Also an die Straße und Daumen raus. Die ersten drei Autos halten nicht, biegen in die Seitenstraße ein. Dann ein LKW, das sieht vielversprechend aus. Und ja er hält, wie wunderbar. Für uns beide ist es das erste Mal in einem LKW und es macht Spaß. Der Fahrer ist super nett und bringt uns mit seinen 850 PS ziemlich easy und schnell den steilen Berg hoch. Ist halt was anderes als mit unseren mickrigen 75 PS.

Zurück daheim können wir nichts anderes mehr tun als die letzten Sonnenstrahlen zu genießen. Zu keinem Schritt sind wir mehr in der Lage. Schnell noch was essen und dann ab ins Bett. Wir sind fertig aber glücklich und sind uns einig, wir würden es wieder machen. (Nur nächstes Mal mit mehreren Wechselsocken und nicht so gefährlich.)

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