Norwegen — beim Polarkreis — LetztendlichGenial

Auf so einer Reise wird einfach alles intensiver. So auch die Begegnungen mit anderen Menschen. Eigentlich wollten wir an diesem Rastplatz nur schnell anhalten, um unseren Abwassertank zu leeren. Die Station ist besetzt und wir parken unseren Justus am Rand. Gegenüber steht ein anderes deutsches Gefährt. Man winkt sich nett zu und jeder macht sein Ding.

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Kurze Zeit später kommen wir dann aber doch ins Gespräch und schnell stellt sich heraus, dass die beiden ähnlich ticken wie wir. Sie haben Deutschland für ein Jahr den Rücken gekehrt und reisen nun durch Europa. Gemeinsam mit ihrer Elli – einem ausgebauten Fiat Ducato. Sie sind Mitte 40 und Anfang 50 und haben gerade ihre Kinder aus dem Haus. Der perfekte Moment um sich endlich einen Traum zu erfüllen. Raus aus der Komfortzone, rein in ein anderes, freieres Leben. Sie sind seit dem ersten April unterwegs und waren bis jetzt auf Island, in Dänemark und in Schweden. Die beiden faszinieren mich. Sie sind so locker und frei. Sie scheinen sich selber gefunden zu haben und machen einfach ihr Ding. Einfach klasse.

Wenn die Nacht zum Tag wird

Wir kommen gar nicht mehr aus der Plauderei raus. So ähnlich sind die Gedanken und Interessen. Natürlich wollen wir auch einen schnellen Blick in ihr Auto werfen, einen Eindruck bekommen wie andere so reisen und leben. Und wie es dann halt manchmal so ist, verlassen wir ihren Bus erst wieder in 10 Stunden, um halb drei Uhr nachts. Hier im Norden von Norwegen vergisst man sowieso schnell die Zeit, da es nicht mehr dunkel wird. Aber wir verstehen uns einfach so gut und können so viele Dinge teilen. Wir quatschen und essen und trinken gemeinsam Bier und Wein. Es tut so gut, auch seine Sorgen und Ängste zu teilen und Tipps und Ideen auszutauschen. Auch der Fakt, dass die beiden bis dato eine ähnliche Route durch Norwegen gefahren sind, lässt den Themenpool nicht kleiner werden.

Pommes am Polarkreis

Am nächsten Morgen trennen sich unsere Wege erstmal. Sie wollen weiter, wir wollen uns noch etwas Zeit nehmen bis wir fahren. Eigentlich haben wir aber das gleiche Ziel – mit der Fähre den Polarkreis überqueren. Später dann eine Nachricht: „Wollen wir gemeinsam drüber fahren?“ Leider schauen wir zu spät auf unsere Handys und können es nicht mehr rechtzeitig zur Fähre schaffen. Schade, wäre bestimmt lustig geworden. Aber über den Polarkreis geht es trotzdem für uns. Wir freuen uns wie kleine Kinder, als die Fähre die magische Linie überkreuzt. Außer uns scheint es hier niemanden groß zu interessieren, aber egal, für uns ist es eben einmalig. Zur Feier des Tages gibt es Pommes. Pommes am Polarkreis halt.

Aber weiter im Text. Wir treffen die beiden dann doch auf einem Rastplatz bei Halsa wieder, wo wir alle die Nacht verbringen wollen. Ich freue mich so sehr. Irgendwie ist es wie alte Freunde wieder treffen. Komisch, obwohl man sich doch grade erst kennengelernt hat. Aber auf so eine Reise baut man Bindungen plötzlich viel schneller auf. Es ist schön wieder den Abend miteinander zu verbringen. Heute gehts aber früher ins Bett – sind ja alle nicht mehr die Jüngsten. Für den nächsten Tag planen wir eine kleine Wanderung zu den Fykantrappen, eine Treppe mit 1129 Stufen.

1129 Stufen – we did it!

Der Tag begrüßt uns dann wieder mit Regen und tief hängenden Wolken. Aber egal, die halten uns doch davon nicht ab. Gemeinsam geht es Richtung Startpunkt. An einem Parkplatz lassen wir dann Justus zurück und fahren bei den beiden mit. Schnell merken wir, dass es eine super Entscheidung war. Die Wege sind ziemlich interessant – norwegisch halt. Holprig, löchrig und steil. Und es geht durch einen stockfinsteren Tunnel. Für Justus wäre das sicher kein Spaß gewesen. Wir fahren in das Gebiet des Svartisen Gletschers, wo wir zu zwei Staudämmen wanden. Hier oben haben wir eine traumhafte Aussicht auf die teilweise unberührte Landschaft.

Unseren Weg säumen teilweise Haufen von zwei Meter hohem Schnee. Ich dachte echt im Juni hätten wir dieses Thema hinter uns, aber in Norwegen herrschen einfach andere Regeln. Spektakulär ist es aber allemal. Auch die Eisschollen auf dem türkis-blauen Wasser hauen mich einfach um. Die Stufen fordern uns dann ziemlich heraus: es geht sehr steil und schmal den Berg hoch und das eben über 1000 Stufen lang. Wahnsinn, die Aussicht oben ist dann aber toll und das Gefühl es gemeistert zu haben, ist eh immer das beste. 

Abschiede werden schwer

Am Abend trennen sich unsere Wege dann aber wirklich. Die beiden sind natürlich etwas schneller unterwegs, da sie „nur“ ein Jahr haben. Der Abschied ist natürlich traurig, aber wir freuen uns alle sehr uns kennengelernt zu haben. Als die beiden dann weg sind, bin ich ziemlich bedröppelt. Komisch, ich bin selber total überrascht. Wir kennen uns doch kaum und erst so kurz. Aber wie gesagt, solche Begegnungen werden auf einmal viel intensiver als „im normalen Leben“. Die Nähe zueinander ist irgendwie stärker, wenn man die gleichen Interessen und Ansichten teilt und sich in einer so bedeutenden Phase seines Lebens kennenlernt. 

Es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir die beiden gesehen haben. Spätestens in Deutschladen werden wir dem schönen Ammersee dann einen Besuch abstatten.

1 Kommentar

  1. Daniel Pflugbeil

    Soviel Lob für die Oldie’s?
    Aber ja, es toll gleichgesinnten Menschen kennen zu lernen und wir hoffen auf ein baldiges Wiedersehen.
    Letztendlichgenial

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