Norwegen — Flesberg bis Bergen — Hindernisse überwinden

Die zwei erlebnisreichen Tage mit Steffen in Drøbak lagen hinter uns. Wir freuten uns wieder in unserem Justus zu sein und waren froh endlich weiter Richtung Norden ins Landesinnere zu fahren, auf den kurvenreichen norwegischen Straßen. Jetzt hieß es Strecke machen. Unser Weg führt uns dabei bis nach Bergen.

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Campingplätze sind für uns größtenteils Tabu. Wir wollen das Land und die Natur hautnah erleben – so gut es geht mit einem fahrenden Haus. Der positive Nebeneffekt dabei Geld zu sparen, ist dennoch nicht zu vernachlässigen. Mit dieser Herangehensweise wollten wir die gewöhnlichen Autobahnen meiden. Nachdem wir genug Kilometer für den heutigen Tag gefahren sind, bogen wir auf kleinere Landstraßen ab. Was für ein Erlebnis! Obwohl sie auf den Landkarten noch als solche ausgewiesen sind, entpuppten sie sich als feste Schotterpisten mit kleinen losen Steinen und einigen Schlaglöchern.

Ich fühlte mich wie ein Einsiedler in Alaska. Und dann entdeckten wir noch, passend zu der aufkommenden Stimmung, diesen Bus. Er erinnerte mich stark an den Film „Into the wild“. 

Etwas sehr typisches hier in Norwegen ist auch, dass man bei jeder Straße mit Schlaglöchern oder „Fartsdempere“ rechnen muss. „Fartsdempere“ sind geteerte Hügel die einen dazu bringen sollen langsamer zu fahren. Wir finden das absolut top. Gerade in kleineren Ortschaften eine Gute Idee. Wenn sie jedoch nicht ordentlich markiert sind, dann kann man sich schon ein wenig fluchend im Auto wieder finden. Einmal hat uns so ein kleiner Hügel komplett aus dem Sitz katapultiert. Ich hatte ihn einfach nicht gesehen. Und das bei lächerlichen 30 km/h.

Zack! Es ist passiert. Spaten raus und los.

Die Straßen sind wahnsinnig idyllisch und menschenleer. Wir entdeckten an der rechten Seite einen schönen See und versuchten an der Uferstraße einen Platz für die Nacht zu finden. Als wir keinen geeigneten Platz fanden und umdrehen wollten, passierte es – nachdem ich auf einem vermeintlich festen Straßenstück versuche zu wenden, steckten wir fest. Wir kamen weder vor noch zurück. Ja, Straßen können hier unterschiedlich aussehen. Das größte Problem bei dieser Aktion: unser Gastank ist direkt unter unserem Bus befestigt. Beim Betrachten der Situation sahen wir, dass er gefährlich nahe am Boden kratzte.

Rückblickend habe ich uns noch nie so entspannt erlebt. Wir stiegen aus, ich rauchte erstmal eine Zigarette und dann schnappten wir uns auch gleich unseren Spaten und gruben die Räder frei. Keiner hatte Anzeichen von Panik gezeigt. Ich dachte mir: „Komm schon, es kann überhaupt nichts passieren. Irgendwann kommt eh einer vorbei. Außerdem können wir im Bus schlafen und zur Not laufe ich zu den Häusern weiter vorne an der Straße.“

Das erste Auto fuhr auch direkt an uns vorbei. Na, toll. Funktioniert ja prima. Danach wurden wir aber doch noch gerettet. Wir waren extrem glücklich, als das zweite Auto neben uns anhielt und fragte: „Habt ihr ein Seil?“ Ja, das hatten wir. Frisch verpackt, oben in unserer Dachbox. Er zog uns mit seinem Geländewagen locker und leicht aus dem Loch. Er lächelte und sagte entspannt: „Das ist so im Frühling, es ist Norwegen.” Nun wissen wir auch bescheid. Schnee schmilzt und bildet Wasser. Das kann dann auch mal den Boden unter der Straße aufweichen. Danach suchten wir nicht mehr lange nach einem neuen Platz und stellten uns am Straßenrand beim kleinen Ort Flesberg hin und schliefen.

Über den Wolken

Frisch ausgeschlafen sind wir früh morgens zurück auf der Straße und fahren weiter. Wir wollen die norwegische Landschaftsroute „Hardangervidda“ entlang fahren. Diese Routen sind vom norwegischen Tourismusverband als „besonders wertvoll“ ausgewiesen. Pünktlich zu diesem Erlebnis kommt die Sonne raus und strahlt uns ins Gesicht. Wir packen die Sonnenbrillen gekonnt aus und freuen uns wie zwei Kinder. Man muss sagen, der Frühling in Norwegen ist faszinierend. Kaum sind wir von der Küste weg, ist plötzlich alles weiß um uns herum.

Bis zu einem Meter Schnee und große Hinweistafeln ab hier gegebenenfalls Schneeketten zu montieren. Allerdings sind zu dieser Jahreszeit immerhin die Hauptstraßen frei. Wir sind sehr entspannt und Justus erklimmt die Berge. Zwar langsam aber sicher – bis auf 1100 Meter Höhe. Da ist uns auch das aufheulen des zweiten Ganges völlig egal.

Diese Straße führt uns auch an Geilo vorbei. Einem Wintersportgebiet. Jetzt ist es auch klar warum. Unser Schlafplatz ist ein Stückchen weiter am Rand, umgeben von einer weißen Landschaft. Normalerweise liegt vor uns ein See. Den sehen wir aber nicht, denn er ist zugefroren. Wir fühlen uns wie über den Wolken. Einfach irre!

Bewegung tut gut

Nach dem vielen Fahren und der Zeit im Bus, sind wir zu den vier Wasserfällen im Husedalen, am Ortsrand von Kinsarvik gewandert. Es tat wirklich enorm gut sich endlich mal wieder zu bewegen. Es ist ein schöner Wanderweg und man kommt den Wasserfällen doch sehr nahe. Am nächsten Morgen wasche ich das Geschirr im Fluss, der fröhlich neben uns her plätschert. Es ist ein tolles Erlebnis. Warum weiß ich nicht so genau, aber für mich sind es am Ende die kleinen Dinge die mich glücklich machen. Wahrscheinlich ist es das Gefühl ohne viel Schnickschnack und mit der Natur zu leben.

Ahoi, ihr Landratten

Nun steht ein weiteres kleines Highlight an. Unsere erste Fährfahrt in Norwegen. Es sind bereits vier Jahre vergangen, als ich diese Erfahrung hier erlebt hatte. Genau daran erinnern wie es funktioniert, kann ich mich nicht mehr. Einen Ticketschalter suchen wir vergebens. Die Fähre steht auch schon da, aber keine anderen Autos um uns herum. Sollen wir uns schon hinstellen oder wie ist das? Wir tun es, um zu signalisieren: wir wollen mit. Als die Zeit reif ist, kommt eine lustig gestimmte Norwegerin der Fährgesellschaft zu uns und kassiert die Gebühr. Wir bezahlen bar was hier zwar geht, aber nicht usus ist. Überrascht erkennen wir, dass wir die einzigen Gäste auf der Fähre sind. Umso besser. Wir genießen den Wind und schauen uns die atemberaubende Bergkulisse um uns herum an.

Reich mir das Handtuch, ich fange an zu schwitzen

Auf der anderen Seite angekommen werden die Straßen auf dem Weg zwischen Utne und Jondal spürbar schmaler. Als uns ein riesiger norwegischer LKW entgegenkommt scheint es ihm völlig egal zu sein, wie eng es hier ist. Er bremst kaum ab und will sofort an uns vorbei. Ich frage Jana, wie viel Platz noch rechts sei, doch er ist schon direkt links neben uns und die Seitenspiegel könnten sich, wenn es möglich wäre, gegenseitig abklatschen. Es war sehr eng und wir hatten ab und an ein paar Schweißperlen auf der Stirn, dennoch so schön idyllisch mit all den kleinen Orten und Apfelbäumen. An einer kleinen Bude am Straßenrand kauften wir auch direkt Marmelade und Frühstückskekse. Sehr lecker. Das sollten wir öfters machen.

Einfach der Nase nach

Am Ende des Tages, wie soll es anders sein, brauchen wir wieder einen Platz zum Übernachten. Während der Fahrt redeten wir über die Benutzung von Navi, Apps und Smartphone. Uns wird bewusst, dass man diese zu oft zur Hilfe nimmt und weniger nach Gefühl und, ich bitte um Entschuldigung für die Ausdrucksweise, frei Schnauze fährt. Daher, runter von der Straße und einfach links abbiegen. Auf einmal landeten wir an einem winzigen „Hafen“. Gegenüber war eine noch kleinere Insel mit fünf Schafen. Entzückend. An diesem Abend erlebten wir auch unseren ersten Regen. Das Prasseln auf das Dach und die vor sich hin summende Diesel-Standheizung machen den Abend urgemütlich.

Nachts um ein Uhr kommt noch ein Fahrzeug, der Mann steigt in ein Boot beim Anleger und fährt mitten in die stockfinstere Nacht. Anscheinend wohnt er auf der anderen Fjordseite. Ich hätte da nichts mehr gesehen oder erkennen können. Ein richtiger Draufgänger!

Die nächste Fähre ist bis unters Deck gefüllt. Anscheinend wollen nun alle wieder Richtung Bergen zurück. Das ist auch unser nächstes Ziel.

Bergen: Sehr schön, aber nichts für uns

Jana wollte Bergen unbedingt sehen. Als wir hineinfahren, wollen wir irgendwo in den Randbezirken parken, um dem Stadtverkehr zu entkommen. Mein Gott, was für steile Straßen und überall Schilder: „Nur für Anwohner“, „Mit Parkgebühr“ etc. Bergen ist sehr touristisch. Überall Menschen um dich rum. Die Holzhäuser am Hang und das alte Hanseviertel „Bryggen“ sind unglaublich süß und fein anzuschauen, dennoch fühlen wir uns nicht wohl in dieser Stadt. Eigentlich schade, aber manchmal kann man das Kind nicht beim Namen nennen.

Auf dem Rückweg zum Auto werden wir von zwei Architekturstudenten angesprochen. Sie fragen uns was denn “Project Justus” sei. Prompt bekommen wir eine Führung durch ihre Hochschule. Geil, so spontan und super nett von denen. Die Hochschule ist ein alter umgebauter Getreidespeicher direkt am Meer, super kreativ und inspirierend. Wieder ein Moment, für den wir sehr dankbar sind. Tack, Ragnel!

Abends dann wieder raus aus Bergen. Der erste Platz ein vollkommener Reinfall. Es scheint der Kiffer-Treffpunkt der Jugendlichen zu sein. Wir fahren weiter und finden eine kleine Parkbucht an der Hauptstraße. Die Aussicht ist grandios, aber leider ziemlich laut.

Am nächsten Morgen springt Justus nur widerwillig an. Unsere Laune geht in den Keller. Aber das wird nicht das letzte Mal sein. Bis jetzt hat uns Justus überall hin gebraucht und wir können nur stolz sein so einen tollen Bus zu haben. Auf zu neuen Abenteuern!

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