Norwegen — Langesund bis Drøbak — Schnee, Schicksal und ein Segelboot

Endlich hat uns die Fähre nach Norwegen gebracht, ein Land was wir auf jeden Fall sehen und bereisen wollten. Daher änderten wir unsere Route ein paar Wochen vor Beginn der Reise. Unsere Vorfreude war riesengroß. Ich war bereits vor ein paar Jahren hier und ich schwärme noch heute davon. Doch Dänemark hat die Messlatte ziemlich hoch gelegt. Werden wir am Ende enttäuscht sein?

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Norwegen: Schnee, immer noch?

Nach der Ankunft überrascht uns Norwegen erst einmal mit, ihr dürft raten. Ja, genau. Schnee. Der Schnee liegt zwar nicht flächendeckend, doch ist er noch spürbar zu sehen und zu fühlen. Denn es ist kälter hier oben. Vor allem überraschen uns die noch zugefrorenen Seen. Es ist zwar nicht arg verwunderlich, da Norwegen sehr lang gezogen und eines der nördlichsten Länder ist, dennoch können wir es kaum fassen hier noch so viel Schnee zu sehen.

Vom Förster geweckt

Der erste Schlafplatz für unseren Justus und uns entpuppt sich als ein etwas schwierigeres Unterfangen. Mit der App Park4Night finden wir in unserem Umkreis keinen geeigneten Platz. Zwar ist Norwegen riesig, jedoch befindet sich überall dort, wo eine Straße zu sehen ist auch ein Haus. Wirklich verblüffend und irgendwie schön, wo die Norweger überall bauen dürfen. Dazu kommt natürlich, dass jedes Haus auch eine geeignete Verbindung zur Außenwelt braucht, sprich: lange Linien von Strommasten durch das halbe Land. Wie dem auch sei, irgendwann habe ich die Nase voll und fahre in der Nähe von Andebu über eine kleine, eher mickrige Brücke und siehe da, ein wunderbarer Stellplatz mitten im Wald. Die Geräusche der Autobahn hört man auch nicht wirklich. Perfekt für uns.

Es liegen einige abgeschlagene Baumstämme um uns herum und wir fragen uns, ob wir den Forstbetrieb womöglich stören würden. Aber es ist ja Samstag und somit für uns ok hier zu stehen. Sonntagmorgens werden wir dann doch von einem Holzfäller geweckt bzw. als ich aus dem Fenster schaue, bin ich peinlich berührt ihn vor unserer Haustür arbeiten zu sehen. Nachdem ich ihm zunicke und Frage, ob es in Ordnung ist, wenn wir noch ein wenig stehen bleiben, winkt er und sagt sinngemäß „Passt, alles in Ordnung.“ und telefoniert weiter. Ich zurück um Auto denke mir: extrem entspannt diese Norweger.

Autobahn: so kann man das nun wirklich nicht nennen

Ich sprach oben von Autobahnen. Da muss ich etwas klarstellen. Ja, man bezeichnet sie als Autobahnen, aber diese sind meistens zweispurig und haben eher die Anmutung von Landstraßen. Außerhalb von Städten gilt das Tempolimit von 80 km/h, zeitweise auch von 90 km/h. Die Norweger halten sich dennoch nicht wirklich daran. Sie kennen halt ihr Land sehr gut und wissen, wo man aufpassen muss oder nicht. Zum einen um sich und andere Teilnehmer zu schützen und zum anderen um die monatlichen Ausgaben zu reduzieren. Denn bereits eine Tempoüberschreitung von ca. 6 km/h kostet 90 €. Uns kommt diese Reisegeschwindigkeit zugute und lässt uns auch ruhig reisen. Justus mag es eben gemütlicher.

Wir verlieren unser Zeitgefühl

Oh, ich bin ein wenig vom Thema abgekommen. Wir brauchen Internet und recherchieren wo wir eine SIM-Karte herbekommen und welche Tarife es so gibt. Bereits in Deutschland hatten wir uns verständigt keine Europatarife abzuschließen, sondern im jeweiligen Land danach zu schauen. Wir haben uns genau dafür einen kleinen Router gekauft und wollen die SIM-Karte immer wieder mit Guthaben aufladen. So wird das Handy auch nicht überstrapaziert. Wir werden nach einer Weile fündig und fahren in den angegebenen Ort, da sollte es einen Store geben. Als wir angekommen sind, finden wir ihn nicht, er existiert einfach nicht. Nebenbei merken wir: es ist Sonntag. Und auch in Norwegen haben die Geschäfte grundsätzlich zu. Nur ein paar wenige, wie z. B. Supermärkte, sind mit einem kleinen Shop geöffnet, wo man eine reduzierte Anzahl von Nahrungsmittel kaufen kann. Dieser Moment hält uns vor Augen wie wir langsam unser Zeitgespür verlieren. Und das ging bereits so schnell. Verrückt.

Überall sportliche Menschen

Nun denn, weiter gehts. Und zwar Richtung Oslo. Jedoch noch nicht an diesem Tag. Wir entscheiden uns zunächst noch einen anderen Schlafplatz anzusteuern bevor wir uns ins große Oslo begeben. Wir wollen uns in Oslo genug Zeit nehmen und nicht erst Nachmittags rein fahren. Gefunden haben wir einen Parkplatz hoch oben auf einem Berg bei Krokkleiva, genau neben einem Startpunkt für Paraglider. Der Berg liegt am Tyrifjorden.

Auf dem Weg hinauf müssen wir 30 norwegische Kronen (NOK) an einem kleinem, verlassenen Mautgebäude bezahlen. Später lernen wir, dass es ein privater Weg hoch zum Berg ist, den man bezahlen muss. Wir tun dies gerne. Zum einen, weil es die süßeste Mautstation ist, die ich bislang gesehen habe und zum anderen wird sie videoüberwacht.

Die Anfahrt ist extrem steil und Justus müht sich mit 20 km/h und im zweiten Gang hinauf. Oben angekommen werden wir mit einer grandiosen Aussicht belohnt.

Wir überholen mit unserer atemberaubenden Geschwindigkeit einen Jogger. Ich muss nochmal in den Rückspiegel schauen. Doch, es war ein Jogger. Ist der wahnsinnig? Nein, ist er nicht. Alle Norweger ticken anscheinend so. Denn am späten Abend kommt ein Fahrradfahrer den Berg hinauf und macht Pause. Wir kommen ins Gespräch und er sagt, er hätte gerade ein wenig Freizeit von Frau und Kindern gehabt. Er dachte sich, er fährt mal kurz den Berg hinauf, eine Steigung von 13 Prozent! Nächste Woche wolle er auch mit dem Fahrrad nach Oslo zur Arbeit fahren. Ob nun eine Stunde mit der Bahn oder zwei Stunden mit dem Rad, das macht doch keinen signifikanten Unterschied. Stimmt, da hat er Recht 😉

Er erzählt uns auch, dass der Winter dieses Jahr sehr lange gedauert hat und es erst jetzt anfängt zu schmelzen. Einige Passstraßen sind, aufgrund des vielen Schnee, noch teilweise geschlossen. Später werden wir dadurch unsere Reisepläne ein wenig ändern müssen. Auf diesem Platz bleiben wir zwei Tage lang stehen, da ich noch einen Auftrag fertigstellen muss, den ich bereits in Deutschlang angefangen hatte.

Oslo: gar nicht mal so übel

Als Nächstes steht Oslo auf unserem Plan. Wir parken unseren Justus in einem Wohngebiet und laufen gemütlich in die Innenstadt. Seit langem erleben wir wieder den Stadtflair und können gut damit umgehen. Die Häuser sehen sehr schön aus mit den einzelnen Verzierungen. Wir laufen zum Hafen und auf die Festung. Das herrliche Wetter beflügelt uns zusätzlich.

Wir schlendern durch die Einkaufsstraßen und machen kleine Erledigungen. Hier ist die Auswahl einfach größer. Nach einer gewissen Zeit werden uns diese Menschenmassen dann doch zu viel und wir gehen weiter Richtung „Grünerløkka“. Einem Ortsteil der die Anmutung vom Prenzlauer Berg in Berlin haben soll. Und es stimmt. Hier entschleunigt die Stadt ein wenig und es wird jugendlicher und lockerer. Das mögen wir eh sehr gerne.

Gerade die kleinen Shops und die kleinen Straßen sind klasse. Und was ich grandios finde, ist die Kunst und die Kulturzentren mit all den Graffitis und den kaputten Gebäuden. Entlang des kleinen Flusses Akserselva finden wir auch eine tolle Bar. Die Bierpreise sind hier jedoch so hoch, dass wir uns jeweils ein Bier im Vinmonopolet (staatliches Alkoholgeschäft) kaufen und uns an das Ufer setzen. Genauso reizvoll und entspannend.

Gegen Nachmittag gehen wir zum Auto zurück und fahren aus der Stadt raus, Richtung Outlet Center. Jana will sich eine dickere Jacke kaufen. Norwegen ist trotz der warmen Sonne abends immer noch recht kalt und gerade, wenn wir immer weiter nördlich fahren wollen, ist die Jacke Gold wert.

Wie ein Besuch beim Baumarkt die Reise verändern kann

Gerade als wir so dahin tuckern entdecken wir ein Bauhaus. Jaaa! schreien wir, ein Bauhaus wie in Deutschland. Es kommen ein paar Heimatgefühle hoch, da wir doch unser halbes letztes Jahr dort verbraucht haben, um alles Mögliche für unseren Justus zu kaufen.

Und er kommt wie gerufen. Wir entscheiden uns kurz abzubiegen und wollen noch ein paar Materialien für ein Mückengitter oben im Schlafbereich kaufen. Im Norden sollen die Mücken mehr werden und ziemlich nerven. Wir wollen natürlich dafür gut vorbereitet sein.

Nachdem wir alles besorgt haben muss ich erstmal etwas essen und setze mich mit einer Scheibe Brot und einer offenen Sardinen-Dose vor das Auto. Just in diesem Moment kommt Steffen mit seinem T4 vorbei und sagt „Servus“. Ich, etwas irritiert, schaue ihn an und Grüße zurück. Was für ein glücklicher Moment und Wink des Schicksals. Er bleibt mit dem Auto direkt stehen und läuft zu uns rüber. Später sagt er, die Essenssituation hat ihn an sich selbst erinnert und er fand es sympathisch. Er erzählt uns, dass er seit 15 Jahren hier lebt und zwischen Norwegen und Griechenland hin und her „pendelt“. Im Sommer in Norwegen, im Winter in Griechenland und dazwischen hin und wieder in Deutschland. Er hat eine neue Firma gegründet und befasst sich nun mit Schiffsaufarbeitung und -restauration.

Mitten im Satz lädt er uns ein mit ihm heute noch segeln zu gehen. Jana und ich gucken uns an und sind sofort einer Meinung: „Na klar kommen wir mit!“ Steffen fährt voraus nach Drøbak, nähe Oslo, dort steht sein Segelboot, auf dem er auch wohnt. Ein wirklich tolles Boot. Auf dem Weg dorthin zeigt er uns auch gleich im Hafen die Duschen und die Waschmaschine, die wir jederzeit benutzen können, wenn wir seinen Code eingeben. Wir freuen uns sehr und machen am nächsten Tag einen Wasch- und Duschtag daraus. Ich stand lange nicht mehr so lange unter einer Dusche. Aber ist ja auch egal, wir werden die nächsten Tage wieder mit weniger auskommen müssen.

Als wir lossegeln springt auch noch Scott aufs Boot, ein Australier, der auch mit seiner Familie hier wohnt. Wie geil es ist in so einer multikulti Gruppe über den Fjord zu segeln. Wir feiern es total und freuen uns wie das Leben einem so tolle Momente schenken kann. Wir dürfen mit unserem Justus Steffens Parkplatz benutzen. Denn auch hier in Drøbak bleiben wir für zwei Tage. Es eilt ja nicht : )

Am nächsten Tag wollen wir zusammen fischen gehen. In Norwegen darf jeder fischen und auch segeln. Es gibt keinen Schein, den man dafür machen muss. Das ist schon grandios, aber Steffen berichtet, dass er und Scott teilweise echt lachen müssen wie die Norwegen kreuz und quer über den Fjord schippern.

Fischen und seine gewöhnungsbedürftigen Momente

Am nächsten Tag wird gefischt mit allem was dazu gehört. Wir fangen zwei Prachtexemplare und … ja, erlegen sie auch. Es sind zwei komplett unterschiedliche Situationen, einen Fisch einfach im Supermarkt zu kaufen oder ihn mit eigenen Händen „essbar zu machen“. Uns fällt es auf jeden Fall schwer. Steffen zeigt uns noch wie man ihn filetiert. Und meine Güte, er schmeckte so gut. Es geht nichts über frische Nahrung. Wenn man sich dafür entscheidet Fleisch oder Fisch zu essen, muss man es eigentlich so machen. Für Jana war es, als Vegetarierin, trotzdem das erste und letzte Mal.

In der Nacht fahren wir noch raus auf den Fjord und besuchen eine kleine Festungsinsel. Wir spazieren dort ein wenig entlang als wir merken, dass das Museum gar nicht geschlossen hat. Wir also rein. Lustig um 24 Uhr durch das Museum zu laufen und auf die riesigen Kanonen draußen am Land zu klettern. Anschließend reden und trinken wir noch ein paar Bier auf dem kleinen Dingi und lassen uns mit den Wellen treiben bis spät in die Nacht. Oder eher Morgen, denn als wir schlafen gehen wollen war es bereits drei Uhr.

Der Abschied tut weh

Am nächsten Tag hat Jana eine wunderbare Idee: wir machen zum Frühstück Pancakes. Wir finden diese Situation so genial, dass wir entscheiden einen wöchentlichen „Pancakes-Friday“ daraus zu machen.

Doch dann heißt es Abschied nehmen. Leider. Doch wir verlassen Steffen mit einem lachenden und weinenden Auge. Es tut uns weh, mit ihm nicht mehr Zeit zu verbringen und seine Lebenslust zu spüren. Dennoch sind wir so froh ihn als neuen Freund gefunden und mit ihm so viele neue Momente geteilt zu haben. Danke Steffen, wir werden die Zeit niemals vergessen. „Ha det!“

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