Norwegen — Lysøya bis Mo i Rana — Plötzlich wieder zu zweit

Wir sind wieder auf der Straße. Aber es fühlt sich plötzlich etwas holprig an. Der Besuch unserer Freunde hat uns ein wenig aus der Spur geworfen. Es war toll sie zu sehen, aber umso schwieriger sich zu verabschieden. Viele Emotionen des Aufbruchs kommen wieder hoch. Sie fahren Heim, nach Stuttgart, und beneiden uns, dass es für uns einfach so weiter geht.

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Für uns fühlt sich das im Moment aber irgendwie gar nicht so großartig an. Ich frage Mark, ob er gerne mit ihnen mitgefahren wäre. Er überlegt, nein, dafür wollen wir noch zu viel erleben. Es fühlt sich nur kurz verlockend an, aber wenn wir uns dann vorstellen wieder in unser “altes” Leben zu gehen, in einer Wohnung mit einem Job in der Stadt, graust es uns und wir merken, dass wir genau hier hingehören. Es ist das Leben, welches wir wollen und wir kommen schon wieder in die Spur.

Plötzlich wieder alleine

Wir fahren etwas planlos über die norwegischen Landstraßen weiter gen Norden und sind mal wieder verblüfft, wie die Straßen hier so aussehen: es sind teilweise einfach Schotterpisten. Hinter uns eine riesige Staubwolke. Ein paar Schafe laufen über die Straße. Idylle pur. Wir finden einen kleinen Picknickplatz an einer Frischwasserquelle. Es ist traumhaft und die Sonne brennt, aber wir wissen gar nicht so richtig was wir noch mit dem Abend anfangen sollen, irgendwie sind wir aus dem Konzept. Plötzlich wieder so allein.

Der Follavatnet, die Frischwasserquelle

Am nächsten Tag soll das Ganze dann aber schon wieder anders aussehen, nach einigen Kilometern im “Sattel” fühlt sich bald alles wieder ganz normal an. Jetzt wollen wir etwas Strecke machen, zu lange sind wir vor Trondheim herumgedümpelt. Wir wollen schnell in den Norden. Wir fahren an diesem Tag rund 170 km. Das mag nicht viel klingen, aber ansonsten sind wir meistens nur kurze Strecken gefahren. Im Süden haben wir auch versucht so gut es geht auf kleineren Straßen zu fahren, um so die schöneren Ecken zu entdecken und dem Verkehr aus dem Weg zu gehen. Jetzt mal schneller unterwegs zu sein, fühlt sich aber gar nicht schlecht an.

Kurz hinter Snåsa am Formofossen

Rastplatz mit Aussicht

Für den Abend machen wir Halt an einem Rastplatz. Diese, selbst an den Hauptstraßen, sind allerdings in keinerlei Punkten mit deutschen Raststätten zu vergleichen. Erstmal sind die Autobahnen bzw. Hauptstraßen wie bereits erwähnt, eher wie bei uns kleine Landstraßen, teilweise sogar einspurig. Und auch die Rastplätze oder besser gesagt Picknickplätze sind was ganz anderes. Es sind meistens richtig schön gewählte Orte mit sauberen Toiletten und Picknicktischen, sowie mit kleinen Haltebuchten für Autos und Wohnmobile. Es herrscht kaum Verkehr und deswegen hat man hier meistens einen super gemütlichen Platz. Gerade wenn man nur auf der “Durchreise” ist. Dieses Mal lag der Platz direkt an einem Fluss mit Enten und Schwänen. Da wir mal wieder etwas an unserer Website arbeiten wollten, blieben wir gleich zwei Tage. Leider hat die idyllische Lage am Wasser den Nachteil, dass ich komplett zerstochen werde. Mein Hintern sieht aus wie ein Streuselkuchen. Yippie.

Rastplatz kurz vor Namsskogan

Schotterpiste zum Glück

Und dann erreichen wir es endlich Nord-Norwegen. Ein theatralisches Schild auf der Straße weist uns dezent darauf hin. Ändern tut sich dadurch natürlich nichts, aber für uns ist es ein weiterer Step, ein gutes Gefühl, dass wir es mit unserem Justus schon so weit geschafft haben. Schnell ein paar Fotos und weiter gehts. Auf der Suche nach einem geeigneten Platz entdecken wir kurz hinter Korgen ein Schild mit dem Aufdruck “Badeplass”. Das hört sich doch vielversprechend an. Sind auch nur vier Kilometer. Wenn’s nichts ist, fahren wir halt wieder zurück. Aber es sind natürlich norwegische Kilometer, über immer kleiner werdende Straßen und Schotterpisten mit mehr Löchern als Straße. Wir fahren durch Schafherden und über Bauernhöfe und fragen uns, wo denn hier bitte ein Strand sein soll. Doch irgendwann kommt er und begrüßt uns mit einem Camping-Verbotsschild. Pah, denke ich mir, den Weg fahre ich jetzt ganz bestimmt nicht mehr zurück. Wird schon passen. Ich bin super happy mal wider an einem Strand zu sein, auch wenn das Wetter eher zum drinnen bleiben einlädt.

Strand in Røssåauren

Alleine am Strand

Ich mache aber trotzdem einen Spaziergang und als ich zurückkomme, höre ich ein leises “Mäh” von Strand. Komisch, ich sehe weit und breit keine Schafe. Aber immer wieder dieses leise “Mäh”. Mir lässt das keine Ruhe und ich begebe mich auf die Suche und dann das, ein kleines Lämmchen liegt dort ganz alleine und meckert vor sich hin. Es hat wahrscheinlich seine Herde verloren. Mein Helfersyndrom wird aktiviert, aber ich weiß nicht was ich tun soll. Von dem Rest der Herde weit und breit nichts zu sehen. Da ist noch ein anderer Mann am Strand, ich frage ihn, ob er hier wohnt und ob er weiß, wem die Schafe gehören. Er beruhigt mich und meint, die Schafe würden hier ständig hin und her laufen, sie werden sich schon wiederfinden. Ok, dann ist ja gut.

So kommen wir dann aber ins Gespräch. Er heißt Oluv und wohnt im Nachbardorf. Er ist viel gereist und hat an vielen unterschiedlichen Orten gelebt und sein Englisch ist, wie bei den meisten Norwegern, perfekt. Immer wieder bemerkenswert. Wir quatschen und quatschen und er gibt und tolle Tipps für Wanderungen in der Gegend und lehrt uns viele Dinge über die hiesige Natur. Irgendwann schaue ich auf die Uhr, ups schon halb zwei. Tja ohne Dunkelheit kein Zeitgefühl.

Wecke den Bauern in dir

Am nächsten Morgen ist das Lämmchen noch immer alleine am Strand und ich den Tränen nahe. Wir versuchen es in Richtung Wiese zu treiben und erst läuft es Mark auch schnurstracks hinterher. Doch dann überlegt es sich die ganze Sache doch wieder anders und läuft vor uns weg. Es ist total verwirrt und ziemlich ängstlich. Ich versuche es zu fangen, um es zur Herde zu tragen, doch das ist gar nicht so einfach. Immer wenn ich ansetze, ist es schon wieder weg. Wir geben auf und fahren los. Im “Ort”, der aus vier Häusern besteht, wollen wir Bescheid sagen, doch wir finden nur die Schafherde aber keinen Menschen. Niemand weit und breit zu sehen. So hinterlassen wir an dem einzigen Haus, das bewohnt zu sein scheint eine Nachricht mit der Bitte sich darum zu kümmern. Mir zerreißt es das Herz, so gerne hätte ich die Gewissheit gehabt, dass die Familie wieder zusammen findet.

Solche Helden sind wir

Der nächste Stopp ist Mo i Rana. Ein Ort, in dem es nicht wirklich etwas zu tun gibt. Für uns gibt es aber eine LPG-Tankstelle. Es ist mal wieder Zeit für eine neue Füllung. Beim letzten Mal hatte uns noch der Tankwart geholfen und es gab einen Adapter vor Ort, jetzt müssen wir selber ran. Ich finde alles, was mit Gas zu tun hat immer etwas gruselig, aber nun gut. Hier gibt es keinen Adapter, aber wir sind ja vorbereitet und kruschteln unsere hervor. Aber zu früh gefreut, sie passen nicht. Mensch, wir sind echt solche Helden. Wir hatten sie in Deutschland extra gekauft, aber nie geschaut, ob sie passen. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass es die Richtigen sind, da der abgebildete Tank genauso aussah wie unserer. Aber weit gefehlt, es gibt anscheinend zwei verschiedene Gewindearten, gut zu wissen. Wir müssen ziemlich über uns selber lachen.

Nebenan gibt es aber ein Autogeschäft und die können uns einen Adapter leihen. Irgendwie sitzt er aber nicht richtig und bei der Befüllung strömt die ganze Zeit etwas vorbei, sieht nicht sonderlich vertrauenerweckend aus, aber Augen zu und durch. Dann noch schnell Einkaufen nebenan. Als wir dann aus dem Supermarkt kommen, kann ich mich vor Lachen nicht mehr halten. Wir haben vor lauter Gasgewurschtel vergessen die Dachbox zu schließen und sind so gefahren. Aber nicht nur das. Alle Sachen, die wir rausgeholt hatten, liegen auch noch auf dem Dach herum. Ohman, was für Helden die Zweite. Es scheint aber gut gegangen zu sein, es waren nur ein paar Meter auf die andere Straßenseite und alles liegt noch an Ort und Stelle. Auch der Norweger neben uns muss ziemlich lachen und beglückwünscht uns zu dieser Aktion.

Unser kleines Paradies

Wir gehen hier noch in die Touristeninformation. In der Gegend gibt es einen ziemlich großen Gletscher, den Svartisen. Wir wissen aber schon, dass es noch zu früh ist hinaufzugehen. Das Boot, das einen über den See dort hin bringen muss, kann noch nicht fahren, da der See noch zugefroren ist. Wir wollen nach Alternativen schauen. “Johnny”, der super motivierte Angestellte versorgt und mit Unmengen an Insidertipps und zeigt uns atemberaubende Fotos von seinen Touren. Auch gibt es uns einen Tipp, wo wir nach einem Stellplatz schauen können. Und dort werden wir später auch fündig. Zunächst zeigt sich die wahre Schönheit dieses Platzes noch gar nicht. Es ist eigentlich nur ein Schotterparkplatz etwas oberhalb des Langvatnet, einem See.

Am Langvatnet

Aber dann entdecken wir, dass man ein paar Meter hinunterlaufen kann und finden unser kleines Paradies. Das Wasser ist glasklar und der Platz total idyllisch gelegen, mitten zwischen vielen Bäumen. Zudem lacht die Sonne von Himmel. Es gibt eine Feuerstelle und einen Tisch mit Bänken. Wir lassen uns nieder und nutzen das gute Wetter um mal richtig zu entspannen und auch um mal wieder zum Waschen. Wir finden eine Wäscheleine, die wir zwischen zwei Bäumen spannen. Es fühlt sich an wie ein kleines zu Hause. So bleiben wir für zwei Tage und genießen die Ruhe und lassen es uns gut gehen. Es ist auch das erste Mal, dass wir in kurzen Sachen herumlaufen können. Sommer ahoi. Am Abend gibt es Stockbrot über dem Lagerfeuer und Kartoffeln aus der Glut. Mit dieser Aussicht schmeckt es noch viel besser als sonst. Wäre am dritten Tag nicht der Regen gekommen, wir wären sicher noch viel länger geblieben. Es war ein perfekter Platz an dem wir uns einfach wohlgefühlt haben.

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