Norwegen — Runde bis Molde — Eine Vogelinsel und der Nationalfeiertag

Nationalfeiertag Norwegen Molde

Unser nächstes Ziel heißt “Runde”. Eine kleine Vogelinsel kurz vor Ålesund. Dort soll der berühmte Papageientaucher leben, den ich unbedingt kennenlernen möchte. Der Weg führt über drei wunderschöne, teilweise einspurige Brücken. Das ist hier eh immer wieder lustig.

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Es herrscht so mancherorts einfach zu wenig Verkehr, als dass es sich lohnen würde die Straßen zweispurig zu bauen. Nur in den Haltebuchten kommt man aneinander vorbei. Aber es passt eigentlich immer. So praktisch, so gut.

Wir stellen unseren Bus auf dem einzigen Parkplatz ab und starten zu einer Wanderung, dem einzigen was man hier auf der Insel machen kann. Das Wetter ist wunderschön und wir steuern den hiesigen Leuchtturm an. Der Weg ist fast überall extra befestigt und mit Holzplanken und Treppen ausgestattet. Kommt uns nach unserer letzten Tour richtig langweilig vor. Aber auch mal angenehm. Wir wandern durch tief hängende Wolken und Nebel und erreichen, nachdem es einen Kilometer steil bergab gegangen war, den kleinen Leuchtturm. Er ist so niedlich und der Ausblick wunderschön. Wir genießen eine Weile den Wind, der uns um die Nase weht und steuern dann den Vogelfelsen auf der anderen Seite der Insel an. Natürlich, nachdem wir den Kilometer wieder hinauf gekraxelt sind. Aber von nichts kommt nichts.

Mein geliebter Papageientaucher

So richtig viele Vögel finden wir zunächst nicht. Auch als uns eine norwegische Wanderin fragt, wo denn dieser Vogelfelsen sei, müssen wir etwas lachen. Dass es so schwer ist, auf einer Vogelinsel Vögel zu finden hätten wir nicht gedacht. Wir wandern noch ein wenig weiter und entdecken ihn dann, finden ihn aber eher unspektakulär. Die anderen Vögel interessieren mich auch nicht wirklich, ich will unbedingt den Papageientaucher sehen. Es gibt noch einen weiteren Hügel und ich vermute, dass er sich dahinter versteckt, aber Mark hat keine Lust mehr nach Vögeln zu suchen und ich bin auch etwas müde. Also treten wir den Heimweg an. (Ich sage das erste Mal “nach Hause gehen” und freue mich selber drüber. Ja, unser Justus ist jetzt unser richtiges zu Hause geworden.) Tja und was soll ich sagen, Wochen später erfahren wir, dass sie genau dort gewesen wären. Na toll, ob ich das Mark jemals verzeihen werde? Aber es gibt sicherlich noch viele weitere Orte, an denen ich eine Chance bekomme. Die Wanderung war aber so oder so toll, ob nun mit oder ohne Vögel.

Kein Papageientaucher – dafür aber viele Schafe

Da auf dem Parkplatz ein riesiges “No Camping”-Schild prangt und es hier auch nicht sonderlich gemütlich ist, entscheiden wir uns die Insel für die Nacht zu verlassen und außerhalb nach einem geeigneten Schlafplatz zu suchen. Am Ende landen wir auf einem Rastplatz vor einer Brücke. Es ist ok. Etwas laut, aber die Aussicht entschädigt für alles. Und außerdem geht es für uns eh schon bald ins Bettchen.

Der Rastplatz an der Herøybrua

Städte sind wohl nicht so unser Ding

Am nächsten Tag steht Ålesund auf dem Plan. Wir beide freuen uns schon sehr auf dieses Städtchen. Nachdem Mark den gleichnamigen Song von der Band “Sun Kill Moon” vor Jahren entdeckt hat, wollte er schon immer hier her. Als wir auf der Suche nach einem Parkplatz durch die Straßen fahren, sind wir auch begeistert. Hier gefällt es uns gut, mit all den schmalen Gassen und süßen Häusern.

Das mit dem Parkplatz finden ist dann aber wieder so eine Sache. In Städten ist das meistens ziemlich schwierig – wenn man nicht ein Vermögen hinblättern möchte. Wir fahren wieder etwas raus in ein Wohngebiet. Wir entdecken keine Schilder die das Parken hier ausdrücklich verbieten und treten unseren Marsch in die Stadt an.

Im Kunstmuseum von Ålesund

Leider ist das Wetter etwas mäßig, was für einen Stadtbesuch natürlich nicht so schön ist. So gehen wir zunächst in das Jugendstil-Center und das Kunstmuseum. Ganz nett – muss aber nicht. Anschließend laufen wir ein wenig durch die kleinen Gassen. Aber mal wieder merken wir, dass Städte doch nicht so unser Ding sind. Wir sind viel lieber in der Natur. Städte angucken ist ja ganz nett, aber so richtig ausfüllen tut es uns nicht. So steuern wir ein Café an und trinken jeder einen Kaffee und teilen uns ein Stück Kuchen. Das ganze für unschlagbare 18 Euro. Dieses Land macht uns fertig. Danach entdecken wir beim Schlendern aber noch einen mega süßen Second Hand Laden, der einfach alles anbietet. Total unser Ding. Wir stöbern eine Weile durch die Sachen und nehmen am Schluss eine CD und ein Buch mit.

Bald entscheiden wir uns wieder zu unserem Bus zu gehen und raus zufahren. Und dann das, wir haben einen Strafzettel. War wohl doch nicht erlaubt hier zu stehen. Nur mit Bewohnerausweis oder Sondergenehmigung. Der Spaß kostet 600 Kronen, rund 60 Euro. Na herzlichen Glückwunsch. Etwas geknickt fahren wir noch auf den Berg hier, von dem es eine gute Aussicht auf ganz Ålesund geben soll. Man hätte auch hoch laufen können, aber jetzt haben wir keine Lust mehr. Shame on us. 😉

Blick über Ålesund vom Berg Aksla aus

Eine neue Frisur muss her

Für den Abend finden wir einen Platz an einer Landstraße circa 20 km hinter der Stadt. Es ist ein wunderschöner Platz mit direktem Zugang zum Wasser. Zwar direkt an der Straße, aber bei den fünf Autos die hier am Tag lang fahren, kein Ding. Und da ist es auch keine Frage, dass wir am nächsten Morgen ins Wasser hüpfen. Es ist einfach immer wieder ein geniales Gefühl. Erst die Überwindung, dann dieser Kälteschock. Aber wenn man raus kommt, ist es ein so wunderbar wohliges Gefühl, welches durch den gesamten Körper strömt. Einfach der Wahnsinn.

Unser Platz am See hinter Ålesund

Den Tag verbringen wir dann in der Bibliothek im nahegelegenen Ort. Es ist eine tolle Möglichkeit in Ruhe zu arbeiten und das freie WLAN zu nutzen. Wir sind gerade dabei unsere eigene Webseite neu zu strukturieren und müssen dementsprechend viele Daten hoch- und runterladen. So ist es gut, wenn wir unser begrenztes Datenvolumen nicht zu sehr belasten müssen. Wir sind auch einfach konzentrierter hier und schaffen so mal richtig was weg. Für den Abend kaufen wir Grillzeug ein – endlich wollen wir mal ein schönes Grillerlebnis haben, nach unserem Dänemark Reinfall. Und dieses Mal klappt es auch wunderbar und wir haben einen tollen Abend mit unserer letzten Flasche Wein und später noch mit unserem ersten Lagerfeuer. Mark bekommt dann auch noch eine neue Frisur verpasst. Diese langen Zotteln kann ja keiner mehr mit anschauen. Mit meiner riesigen (total ungeeigneten) Schneiderschere gehe ich ans Werk und ja, es ist ein annehmbares Ergebnis. Endlich wieder ein adretter junger Mann. 😉

Vor und nach dem Haarschnitt

Ein sonniges Grillerlebnis

Und wieder das Kühlwasser

Kurz nach der Abfahrt am nächsten Morgen meldet sich dann wieder die Kühlmittelanzeige. Shit, anhalten und alles wieder ausbauen. Wir wissen nicht so recht, ob es normal ist, dass wir das Kühlmittel schon wieder nachfüllen müssen oder ob sich etwas Schlimmeres dahinter verbirgt. Ich meine, der Justus musste schon ziemlich viele steile Berge hoch, aber eigentlich sollte man das Kühlmittel nicht so oft nachfüllen, oder? Naja, wir notieren uns die eingefüllte Menge und die zurückgelegten Kilometer, werden das Ganze mal beobachten und im schlimmsten Fall bald eine Werkstatt aufsuchen.

Nach diesem Zwangsstopp steuern wir dann endlich Molde an. Eine kleine, verschlafene Stadt direkt am gleichnamigen Fjord. Natürlich gehört zu der Strecke auch wieder eine Fährfahrt. Waren wir zu Beginn noch jedes Mal begeistert, wird es zunehmend zur Routine und wir sind eher etwas genervt, da es jedes Mal unser Budget schmälert.

Mit der Fähre nach Molde

Eigentlich hatten wir geplant den Fjord südlich zu umfahren und noch einen Abstecher nach Åndalsnes zu machen. Doch befinden wir uns gerade irgendwie in einer Phase, in der wir die ständige Fahrerei etwas satthaben. Mit den schmalen, steilen Straßen und unserem langsamen Justus kann es manchmal schon etwas anstrengend werden, immer unterwegs zu sein. Wir haben mehr Lust jetzt schnell etwas Strecke zu machen und dafür länger an den jeweiligen Orten zu bleiben. Fühlt sich für uns gerade richtiger an. Wir müssen uns auch langsam mal mit dem Gedanken abfinden, dass wir einfach nicht alles sehen können. Das Land ist einfach zu groß.

Hoch über Molde auf dem Varden

Hoch über Molde auf dem Varden

Hoch über Molde auf dem Varden

Molde begeistert uns dann von Beginn an. Es gibt nicht viel, aber die Lage und die schönen, kleinen Häuser gefallen und so gut, dass wir mal wieder herumspinnen und uns vorstellen, in welches Haus wir hier ziehen könnten. Erstmal geht es dann aber wieder in die Bib, ein bisschen was schaffen. Am Abend dann auf einen Berg mit traumhafter Aussicht auf 200 Gipfel (haben wir allerdings erst später erfahren). Es ist der Abend vor dem 17. Mai, dem Nationalfeiertag hier in Norwegen. Wir entscheiden uns dafür, ihn hier zu verbringen. So viel haben wir darüber gelesen und wollen es nun hautnah erleben.

Abiturienten überall

Um fünf Uhr morgens werden wir beide dann durch laute Musik und Stimmengewirr geweckt. Wie sich herausstellt, sind es die “Russ”, so nennt man hier die Abiturienten. Vom 1. bis 17. Mai herrscht an Norwegens Schulen Ausnahmezustand. Es ist ihr Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Sie unternehmen ihre ersten eigenständigen Reisen und planen andere Aktivitäten und trinken dabei natürlich dementsprechend viel. In den vergangenen Jahren hat das “Saufen” wohl etwas überhandgenommen, sodass die Regierung zur Mäßigung aufgerufen hat. Doch wird das bunte Treiben von den Norwegern weitestgehend akzeptiert, da es sie an ihre eigene “Russ”-Zeit erinnert. Alles geschieht natürlich aus Tradition, bereits seit über 100 Jahren.

Die Schüler sind in dieser Zeit an ihren Latzhosen zu erkennen. Die Träger hängen lässig herab und auf der vorderen Tasche ist die norwegische Flagge zu sehen. An den Hosenbeinen steht das jeweilige Abschlussjahr. Mit Stiften unterschreiben die Mitschüler der Clique. Das Paradoxe an dem 17-tägigen Fest ist, dass zu dem Zeitpunkt die Prüfungen noch gar nicht geschrieben sind, diese finden erst in der Woche vor dem 17. Mai statt.

Den Höhepunkt erreicht das Ganze dann am Nationalfeiertag und dieser Berg scheint der “place to be” zu sein. Die Techno-Beats wummern bis um sieben Uhr aus den Autolautsprechern. Ich kann trotzdem recht gut schlafen, Mark liegt zwei Stunden wach und schaut dem illustren Treiben zu.

Hurra, Hurra — es ist Nationalfeiertag

Am Morgen merken wir dann, wie wichtig den Norwegern der Nationalfeiertag ist und wie sehr sie sich mit ihrem Land identifizieren. Alle Wanderer die auf dem Berg kommen, haben eine Flagge an ihrem Rucksack. Es gibt Sekt und alle haben ein Lachen auf dem Gesicht. Wir wollen auch mitmachen und schnallen unsere Flagge an den Außenspiegel und ernten dafür auch viele freudige Blicke. Wir lesen, dass sich ein Großteil der Festivitäten in dem hiesigen Park abspielen. Also los. Und wow es ist echt eine andere Welt. Alle sind so schick angezogen. Die Frauen haben fast ausnahmslos ihre traditionelle Tracht (Bunad) an, die die jeweilige Herkunftsregion verrät und die Männer tragen Anzug. Selbst die Hunde sind mit rot-weiß-blauen Tüchern ausgestattet. Es ist ein so schönes Bild und ich bekomme das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Norwegische Flagge am Auto

Bereit für den Nationalfeiertag

Die Leute begrüßen sich mit einem frohen “Hurra, Hurra!” oder “Gratulerer med dagen!” (wünscht man sowohl zum Geburtstag als auch zum Nationalfeiertag). Wir schlendern durch den Park und lassen das bunte Treiben einfach auf uns wirken. Der Tag wird von den Norwegern auch dazu genutzt, sich mit der ganzen Familie zu treffen. Überall sieht man sie gemeinsam an opulent geschmückten Tischen frühstücken. Und überall, wirklich überall wehen die norwegischen Flaggen. Es ist einfach der Wahnsinn. Wir statten uns dann auch noch mit einer Flagge für unseren Rucksack und einer Anstecknadel für meine Jacke aus – so gehören wir auch ein bisschen dazu.

Die Norweger lieben ihr Land

Am Nachmittag gibt es in der Innenstadt eine Parade, der Höhepunkt dieses Tages. Schon früh versammeln sich die Leute an den Straßenrändern. Alle essen Eis und Waffeln, die Sonne scheint – sie scheint wohl auch mitzufeiern. Dann geht es los. Den Anfang machen die Flaggenträger, gefolgt von einer Kapelle. Danach folgen die einzelnen Vereine und Gruppen dieser Stadt, von Tanz- über Fußballverein. Fallschirmspringer, Segler, Motorcross, Rotes Kreuz usw. Es ist einfach alles dabei. Es erinnert uns etwas an den Kölner Karneval. Immer wieder hört man “Hurra, Hurra”. Den Schluss bilden die “Russ”. Wohl grade ausgekatert oder immer noch am Feiern, man weiß es nicht genau. Sie machen auf jeden Fall die größte Party. Im Anschluss gibt es eine Massenwanderung zum Hauptplatz der Stadt. Dort wird voller Inbrunst die Nationalhymne gesunden und es folgen einige Reden. Worüber, wissen wir leider nicht. Das Wort “Identität” haben wir jedoch sehr oft gehört.

So verlassen wir die Veranstaltung und diesen wunderbaren Ort, noch immer total fasziniert von diesen Menschen und ihrem ganz besonderen Tag. Wir sind froh, dass wir ihn miterleben durften und so diesem Land ein Stückchen näher gekommen sind. Es war einfach toll. Hurra, Hurra.

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