Rumänien — Bukarest — Die Stadt der Zufälle

Am Ende waren es vier Wochen. Vier Wochen in derselben Stadt. Eigentlich wollten wir nur ein paar Tage bleiben und davor und danach den Rest des Landes entdecken. Doch am Ende kam alles anders als gedacht. Aber der Reihe nach:

Schon länger haben wir Probleme mit dem Kühlwasser. Es verschwindet einfach – spurlos. Aber es war okay. Solange wir immer darauf geachtet und genügend Wasser nachgefüllt hatten, lief alles reibungslos. Nach mehrmaligen Werkstattbesuchen und einiger Recherche und Gesprächen, waren wir uns fast sicher, dass es die Zylinderkopfdichtung sein muss, die die Probleme verursacht. Aber irgendwie haben wir uns immer davor gedrückt mal richtig nachschauen zu lassen. Es lief ja ganz gut so.

Rumänien – ein anderes Mal

Also machten wir wie immer unsere Pläne. Schon vor einiger Zeit hatten wir geplant, dass uns eine gute Freundin in Bukarest besuchen wird; dafür hatten wir ein kleines Airbnb in der Stadt gemietet. Zwei Wochen später wollten wir dann in Belgrad sein, um dort andere Freunde zu treffen.

Vor der Zeit in Bukarest wollten wir noch einen Abstecher in die Berge machen. Richtung Brașov und dann auf die Transfăgărășan – eine äußerst spektakuläre Höhenstraße, auf die ich mich schon lange freue. Doch dann, 18 Kilometer vor unserem Ziel halten wir kurz an, um die Aussicht zu genießen und auf einmal ist alles nass. Ich bemerke es zuerst gar nicht, höre nur Mark: „Wo kommt denn das ganze Wasser her?“ Es sieht aus, als wenn Justus’ Fruchtblase geplatzt wäre. Oh nein denke ich und sehe, wie sich das Wasser fröhlich seinen Weg bergab bahnt. Okay, erstmal durchatmen und Fotos machen. Dann wie immer alles raus und Motorhaube auf. Ja hier hat sich definitiv das Kühlwasser verabschiedet.

Schneller in Bukarest als gedacht

Wir überlegen kurz und sind uns dann schnell sicher, das ist ein Zeichen. Vielleicht sollten wir uns nun wirklich mal um das Problem kümmern. Die Frage ist nur, jetzt hier mitten im Nirgendwo eine Werkstatt suchen oder noch die 160 Kilometer nach Bukarest fahren – wo wir eh hinwollen und die Auswahl sicher größer ist? Da wir Vertrauen in Justus haben und alles wieder läuft, nachdem wir Wasser nachgefüllt haben, machen wir uns auf den Rückweg. Es stimmt uns ziemlich traurig, den ganzen Weg wieder zurückzufahren, obwohl wir so nah dran waren. Aber jetzt in diesem Zustand auf 2000 m fahren? Ich glaube, dass muss nicht sein.

Wir sind uns sicher, dass alles aus einem höheren Beweggrund passiert und ja, vielleicht sollten wir genau jetzt nach Bukarest fahren. Angekommen in Bukarest ist es dann gar nicht so einfach eine Werkstatt zu finden. Klar es gibt eine riesengroße Auswahl, aber für welche entscheiden? Und leider sind alle Werkstätten die wir anfahren zu klein für uns. Mit 3,10 Meter kann man da leicht auf Probleme stoßen. So entscheiden wir uns am Ende für eine offizielle VW-Werkstatt. Doch leider ist samstags niemand da und wir müssen das Wochenende überbrücken. Aber wo hinstellen? Hey, da ist ein IKEA ganz in der Nähe. Das klingt doch irgendwie witzig.

Konsum, Konsum, Konsum

So verbringen wir das Wochenende auf einem riesengroßen IKEA Parkplatz und schauen dem bunten Treiben zwei Tage lang zu (ja, hier haben die Läden auch sonntags auf, und zwar bis 22 Uhr). Es ist ziemlich faszinierend und befremdlich zu sehen wie viele Menschen Tag für Tag in den IKEA strömen und uns wird mehr und mehr dieser Konsum-Wahnsinn bewusst. Denn neben dem IKEA gibt es noch ein riesengroßes Einkaufszentrum, einen Baumarkt, Decathlon und einen Megasupermarkt. Also volles Programm.

Durch unsere Entscheidung im Bus zu wohnen, haben wir dieses Leben ja schon länger hinter uns gelassen. Aber sich komplett aus den Fesseln dieses Systems zu lösen ist gar nicht so einfach wie ich dachte. Denn auch wir können nicht widerstehen, auf ein paar Köttbullar und ein veganes Hotdog hereinzuschauen. Aber diese Menge an Menschen und Essen und Sachen macht uns fertig und wir fangen mal wieder an, stärker über uns, unsere Entscheidungen und die Folgen dieser nachzudenken und was wir tun können, um etwas zu verändern bzw. wie wir die richtigen Entscheidungen treffen können. Dieser Ort und die Zeit die wir gezwungenermaßen dazu haben, bietet sich dann auch ziemlich gut an.

Wir nutzen die Zeit, um den Bus zu optimieren…

…und haben einen neuen Vorhang am Bett.

Eine schlechte Nachricht

Am Montag ging es dann endlich in die Werkstatt und nach einem etwas längerem hin und her und einem halben Tag in der Lobby haben wir dann auch bald das Ergebnis. Es ist ein Riss im Zylinderkopf. Scheiße, quasi das Schlimmste was passieren konnte. Was nun? Ja gut, ein Neuer muss her. Klingt erstmal einfach, hat sich dann aber als eine etwas längere Geschichte herausgestellt.

Es hat ziemlich viel Zeit und endlose Internetrecherchen gebraucht, alle Teile beisammen zu haben. Denn, wir verstehen es immer noch nicht wirklich, die VW-Werkstatt konnte uns bei der Beschaffung der Teile nicht helfen. Sie dürfen nur original VW-Teile aus ihrem Katalog kaufen. Tja und bei so einem alten Auto gibt es viele Teile natürlich nicht mehr. Die bekommt man nur gebraucht, von anderen Händlern, die die Teile noch haben oder von anderen Herstellern. Sie konnten uns lediglich eine Liste mit den Teilen und deren Originalnummern geben und wir mussten dann schauen, wo wir sie herbekommen. Gott sei Dank konnte uns hier auch mein Papa unterstützen. Er restauriert alte Autos und kennt sich daher natürlich aus und hat uns auch logistisch bei der Sache geholfen.

Alles könnte so einfach sein

Damit war die Sache dann aber noch nicht gegessen, fast jeden Tag gab es eine neue Mail mit schlechten Nachrichten. Viele Dinge liefen schief und alles dauerte länger als geplant. Meistens nicht wirklich schlimme Dinge, aber wir mussten immer wieder umplanen, neu bestellen, Entscheidungen treffen und naja abwarten. Zwischenzeitlich waren wir ziemlich am Boden. Mit jedem Tag länger ohne Auto stiegen die Kosten und die Nerven litten. Es war echt nicht einfach und zwischendurch habe ich manchmal fast die Hoffnung aufgegeben, dass wir je wieder im Auto sitzen werden.

Es war schwer und hat uns und unsere Entscheidung mal wieder auf eine harte Probe gestellt. Jedes Mal, wenn die Zeit eines Airbnb’s zu Ende war, war es besonders schlimm. Wieder ein Neues finden. Günstig sollte es sein, aber etwas nett dann aber auch. Ja und wie lange buchen wir, ja gute Frage. Es war natürlich jedes Mal zu kurz. Jeden Tag hat sich unser Aufenthalt verlängert. Insgesamt haben wir in vier verschiedenen Wohnungen gewohnt.

Ausblick aus Airbnb Nummer 1

Gemütliches Kochen in Airbnb Nummer 3

Am Ende ist alles gut

Doch wie es immer ist, am Ende kann man darüber lachen oder jedenfalls schmunzeln. Klar so schlimm war es dann ja auch nicht. Aber während man in der Situation steckt, kann man das leider nicht immer so abgrenzen. Man muss Entscheidungen treffen und warten und sich den Kopf zerbrechen. In dem Moment ist es nicht so einfach zu sagen, ach es wird schon alles. Naja, sagen kann man es schon, aber wirklich so meinen und fühlen ist dann doch etwas anderes.

Manchmal habe ich mich gefühlt wie im Knast. Die ganze Zeit an einem Ort in einer kleinen Wohnung. Ich wusste nicht, wohin mit mir. Ja, Justus ist auch klein, aber direkt vor der Tür liegt die ganze Welt. Es ist einfach anders. So sehr haben wir uns schon an das Leben unterwegs gewöhnt, dass es mir schwerfällt an einem Ort zu sein. Aber je länger wir in Bukarest waren und je mehr Ruhe einkehrte, desto mehr fanden wir auch wieder zu uns.

Eindrücke aus Bukarest

Parken in Bukarest – Level 1

Leider gibt es auch viele Straßentiere in Bukarest

Wir haben die Zeit genutzt, um auch mal was anders zu machen – wie z. B. Töpfern

Zufällig treffen wir auch Ottila und Johann wieder, die wir in Odessa kennengelernt hatten.

In der Nähe unserer letzten Wohnung habe ich meinen Lieblingsplatz gefunden: das Miau Cat Café

Alles hat einen Sinn

Ich kann es nur nochmal sagen, für mich hat sich der Satz “alles passiert aus einem bestimmten Grund” in Bukarest mehr und mehr bestätigt. Es sind so viele Dinge passiert, weil wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Ich kann sie gar nicht alle wiedergeben. Aber am nachhaltigsten beeinflusst hat uns folgende Begegnung: Zu der Zeit als uns Cora besucht hat, wollten wir gemeinsam das Parlamentsgebäude besuchen, doch die liebe Cora hatte ihren Ausweis vergessen, ohne den man nicht hinein darf. So schlenderten wir nur ein wenig im Eingangsbereich herum, in dem gerade eine Ausstellung vorbereitet wurde. Ein Bereich war noch abgesperrt und wir schauten rüber und betrachteten die Bilder. Plötzlich kam der Künstler und bat uns herein.

Parlamentspalast

Bild von Eugen Raportoru

Im nächsten Moment hatten wir auch schon ein Bier in der Hand und fanden uns in einem Gespräch mit dem Künstler selbst und Dragos und Bogdan (zwei anderen Künstlern) wieder. Wie schon so oft in diesem Land und dieser Stadt wurden wir mit Herzlichkeit überschüttet. Wir verstanden uns von Anfang an sehr gut und tauschten Nummern aus (weil wir uns nochmal zu einem Bier treffen wollten). Zu diesem Zeitpunkt wussten wir es natürlich noch nicht, aber Dragos sollte über die Zeit zu einem sehr guten Freund werden. Durch ihn lernten wir in den nächsten Tagen und Wochen noch andere Leute kennen, mit denen wir uns regelmäßig trafen und so die Stadt und die Menschen besser kennenlernten. Es war toll und fühlte sich richtig heimisch an. Es war schön, so schnell Anschluss gefunden zu haben und mit den Jungs auf Vernissagen zu gehen und die Stadt mit ihren Bars und Restaurants mit Einheimischen zu erkunden. Und vor allem ist es toll, so gute neue Freunde gefunden zu haben.

Mark, Jana, Alexandru & Dragos

Dragos Bojin vor einem seiner Bilder und natürlich Mark

Vernissage im Nationalen Kunstmuseum von Rumänien

Eugen Raportoru

Abschied – oder doch nicht?

So war es dann, als es endlich zum Abschied nehmen kam, gar nicht so einfach und ziemlich traurig. So sehr wir diesen Tag auch herbeisehnt hatten, so schwerfiel uns der Abschied dann doch. Nach einem Monat hatten wir uns nun doch sehr an diese Stadt und das Leben hier gewöhnt. Wir machten immer Späße, dass wir die Stadt wahrscheinlich nie wieder verlassen werden. Und am Ende fühlte es sich dann auch fast so an. Denn auch, nachdem wir Justus wieder hatten, dauerte es dann nochmal etwas, bis wir schließlich loskamen. Einmal witzelte ich, dass es wahrscheinlich am Tag unserer Abreise einen Schneesturm geben wird. Dass dies kein Witz bleiben sollte, wusste zu dem Zeitpunkt natürlich noch niemand.

Endlich – der neue Zylinderkopf

Als wir Justus an einem Freitagnachmittag dann endlich abholen konnten, war uns richtig mulmig zumute. Ich hatte richtig Angst davor, dass es komisch sein könnte, wieder im Bus zu wohnen. Ich weiß auch nicht, aber es hat ziemlich gekribbelt im Bauch. Aber diese Bedenken waren dann schnell passé. Nach kurzer Zeit im Bus saßen alle Handgriffe wieder und es fühlte sich ziemlich schnell wieder ziemlich normal an. Doch was ist das? Da ist doch ein komisches Geräusch. Och nö, denken wir. Wir haben ihn doch gerade erst aus der Werkstatt bekommen. Aber dieses Geräusch verunsichert uns und wir fühlen uns unwohl bei dem Gedanken so jetzt einfach weiterzufahren. Als umdrehen und zurück zur Werkstatt.

Da waren wir wieder, aber es ist Freitag 18 Uhr und natürlich ist niemand mehr da. Herrlich, was nun? Wir sind uns relativ schnell einig, dass wir am Montag nochmal hinwollen, um sicherzugehen. Auch bemerken wir später, dass unsere Handbremse nicht mehr geht. Noch ein Grund wieder zur Werkstatt zu fahren. Also bleiben wir doch noch etwas in Bukarest, aber wenigstens können wir wieder im Bus schlafen. Weil es so gut geklappt hat, fahren wir wieder zum IKEA Parkplatz. Und auch dies war unwissentlich eine sehr gute Entscheidung.

Zurück im Bus – erstmal Aufräumen

Zufälle gibt’s

Am Sonntag bekommen wir eine Nachricht in Instagram von Radoo. Er hat einen T3 und hat uns entdeckt und ein Foto von beiden Bussen nebeneinander gemacht und uns geschickt. Als ich es sehe, denke ich, ich schaue nicht richtig. Den Bus habe ich doch schonmal gesehen, klar, vor zwei Wochen hatten wir ihn in unserer Nachbarschaft stehen sehen. Was uns sofort auffiel, er hatte die gleiche Gasabdeckung wie wir (unsere haben wir in der Ukraine verloren). Wir schreiben einige Nachrichten hin und her und ich frage ihn, ob er weiß, wo wir die Abdeckung herbekommen könnten. Er verneint, sagt aber im selber Atemzug, dass er uns eine bauen kann. Was? Wie? Ernsthaft jetzt? Natürlich gerne.

Wir treffen uns am nächsten Abend und fahren gemeinsam zum Baumarkt. Leider gibt es die benötigten Materialien nicht. Wir wollen die Sachen am nächsten Morgen besorgen und ihm vorbeibringen. Doch am nächsten Tag haben wir gar keine Chance dazu. Er schreibt, dass er schon alles besorgt hat. Wir können es nicht fassen, wie kann jemand so nett und hilfsbereit sein, obwohl wir uns erst seit ein paar Stunden kennen. Wir fühlen uns fast ein wenig schlecht, freuen uns aber zugleich darüber, dass wir diese Herzlichkeit erfahren dürfen.

Ein paar Stunden später ist er auch schon wieder da, in der Hand die fertige Abdeckung. Sitzt, passt, wackelt und hat Luft. Perfekt. Und das ganze für zehn Euro Materialkosten. Neu hätte das Dinge 150 Euro gekostet. Wow.

Bukarest – La revedere

Übrigens das mit dem Geräusch und der Handbremse hat sich dann auch relativ schnell geklärt und gelöst. Am Mittwochmorgen ist es dann endlich soweit, wir verlassen Bukarest. Nie hätten wir gedacht, dass dieser Tag einmal kommen würde und wir freuen uns wie kleine Kinder, dass es endlich weiter geht und wir wieder unterwegs sein werden. Tja, aber was soll ich sagen, pünktlich zu unserer Abfahrt gab es dann tatsächlich einen Schneesturm. Wir wissen gar nicht, ob wir lachen oder weinen sollen – aber das ist eine andere Geschichte.

Besuch ist so wunderbar

Und nicht zu vergessen, die Zeit mit Cora war natürlich auch wunderbar. Es war toll mal wieder jemand Vertrautes aus Deutschland dazuhaben und über so viele Dinge zu quatschen. Es war eine schöne, entspannte Zeit und hat uns etwas von dem Reparatur-Stress abgelenkt. Danke Cora, dass du bei uns warst. 🙂

In einem Secondhand-Laden finden wir die gleiche Jacke, die Cora vor einigen Jahren in Deutschland auf dem Flohmarkt gekauft hat.

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