Ukraine — Ein Land voller Überraschungen und Kontroversen

Wir hätten nie gedacht einmal in unserem Leben in die Ukraine zu reisen. Nicht nachdem Russland die Krim annektierte und die Lage in den Medien eher kritisch dargestellt wurde. Und jetzt waren es gleich drei Wochen voller Überraschungen und Kontroversen.

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Blutige Revolution auf dem Maidan, Annexion der Krim, zweitärmstes Land Europas und der Wunsch Teil der Europäischen Union zu sein. Das kannten wir. Das haben wir aus den Medien gelernt und verinnerlicht. Nur, wie ist es wirklich? Ist es so gefährlich in die Ukraine zu reisen, wie man gehört und gesehen hat? Genau dafür reisen wir auch durch Osteuropa. Wollen es in der Realität erfahren, es direkt spüren. Ungefiltert. Nur in den westlichen europäischen Ländern zu sein reicht uns nicht. Und was sollen wir sagen: wir wurden eines Besseren belehrt und wurden mit Problemen konfrontiert, die für uns in Deutschland keine mehr sind.

Unsere ersten offiziellen Grenzkontrollen

Zunächst was äußerst ungewohntes für uns: Grenzkontrollen. Zugegeben wir hatten einen sehr schlechten Tag erwischt und mussten 6,5 Stunden warten. Sich über so etwas aufzuregen tun wir schon lange nicht mehr. An der Grenze selbst muss man sich als Deutscher kurz schütteln. Es herrscht dort das kontrollierte Chaos. Man wird von Schalter zu Schalter geschickt und man fragt sich manchmal, ob sie wissen was sie da machen. Die ausgefüllten Papiere über unser Inventar waren zwar für uns persönlich sinnvoll, aber komplett überflüssig.

Eine ganz neue Übernachtungserfahrung

Wir haben vor der Einreise in die Ukraine ein paar Informationen gelesen. Dort stand, man sollte lieber nicht frei in der Natur stehen. Doch das ist gerade das, was wir vorhaben und uns der Natur und den Menschen näher bringt. Rückblickend war es nicht so schlimm wie es dort zu lesen war. Dennoch wollten wir natürlich nicht, dass unsere Reise zu schnell endet. Wir fanden eine tolle Möglichkeit quasi an jedem Ort zu übernachten – sogar in großen Städten wie Kiew. Das ist vor allem dann gut, wenn man ein paar Bier zu viel über den Tag trinkt. Ihr fragt euch, wie wir das hinbekommen haben? Wir übernachteten auf sogenannten TIR-Plätzen. Das sind Übernachtungsmöglichkeiten für Trucker. Sie sind vorwiegend videoüberwacht und teilweise sogar mit Schranken und Security. Richtig schön sind sie nicht, aber man hat relativ schnell einen guten Platz zum Stehen. Das Ganze kostet pro Übernachtung zwischen 0,50 Cent und 2,00 Euro. Also absolut legitim und überschaubar.

In der Ukraine nennen sie es Straßen

Dann durften wir etwas erfahren, was uns die ganze Reise lang in der Ukraine begleiten würde. Teilweise brachte es uns zum Lachen, aber ließ uns auf der anderen Seite verzweifeln: die ukrainischen Straßen. Mein Gott, was zum Teufel haben die da gemacht? Egal ob Autobahn, Landstraße oder Ortsstraße, sie sind grauenvoll und lassen das Fahrgestell von Justus ordentlich wackeln. Man ist ständig mit Schlaglöchern, die kleinen Kratern ähneln, und Spurrillen, die eher den Alpen gleichen, konfrontiert. Ich musste schon extrem kurbeln, um nicht in den Tiefen des Asphalts zu verschwinden. Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich noch nie so oft auf der Gegenfahrbahn gefahren, weil dort die Verhältnisse besser waren und weniger Schlaglöcher existierten.

Wenn man dann noch den Fehler begeht wie wir und das Land abseits der Hauptstraßen entdecken will, dann konnte man sich auch schnell auf Wegen wiederfinden, die in unseren Augen eher steinigen Wanderwegen gleichen. Sogar riesigen, mehrere Zentimeter tiefen Pfützen steht man gegenüber, die nur über den Grasweg drum rum zu überwinden sind. Die Momente, in denen ich entspannt fahren konnte, kann ich an einer Hand ablesen. Es war daher sehr anstrengend für mich als Fahrer. Teilweise sind wir nur 80 km weit gekommen und das in sechs Stunden. Wahrscheinlich übertreibe ich auch ein wenig, aber im Ernst: wenn sich einer über die Straßen in Deutschland beschwert, den schicke ich sofort in die Ukraine. Versprochen.

Vielleicht sollte man es wie die Ukrainer selbst machen und mit Pferdekutschen die Unebenheiten überwinden. Es war schön und verrückt zugleich zu sehen, wie am Rand immer wieder Menschen mit Pferdekutschen Holz, Äpfel oder Gemüse herumfuhren. Wir fühlten uns ein wenig wie in einer Zeitmaschine, um 50 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt.

Justus fühlt sich hier wohl

Was uns sehr gefällt sind die alten Autos, die hier in der Ukraine herumfahren. Es brummt und qualmt teilweise sehr auf den Straßen. Da wir jedoch nur temporär in der Ukraine sind blenden wir diesen faden Beigeschmack erst einmal aus. Anders wäre es sicherlich, wenn wir hier leben würden. Wir sehen Autos und Busse alter Marken wie LADA und TATA, aber auch Automarken aus Deutschland und dem Rest von Europa. Unser Herz springt beinahe vor Freude, als wir immer mehr LTs auf den Straßen erblicken. Oha, die sehen aber anders aus als unser Justus. Aber wenn die hier so wie sie aussehen überleben, dann bringt uns Justus noch bis nach Japan und noch viel weiter.

Was außerdem ins Auge sticht, sind die deutschen Beschriftungen an den Transporten. Tja, jetzt wissen wir auch wo unsere ausrangierten Autos abgeblieben sind. Immer dem Vorsatz frei, was man nicht sieht, gibt es auch nicht. Lieber neue Autos bauen, die mehr Reparaturen benötigen und bei denen man die Statistik zu seinen Gunsten fälschen kann. Die Autoindustrie verstehe ich schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Das soll hier aber kein Thema sein.

Einkaufen am Straßenrand

Aus der Not geboren findet man ständig nach mehreren 100 Metern einzelne, kleine Verkaufsstände der Einheimischen. Wir fanden es toll und konnten somit ein wenig unser ukrainisch testen, indem wir allerlei Obst und Gemüse kauften. Somit konnten wir denen, die es auch brauchen, etwas zurückgeben. Für solche Nahrungsmittel muss man nun wirklich nicht in den Supermarkt laufen. Nicht zu vergessen, alles war biologisch angebaut. Zumindest denken wir das.

Gastfreundschaft wird sehr groß geschrieben

Die Ukrainer sind wunderbare, herzliche Menschen und sind äußerst gastfreundlich. Dabei kann es sich um einen feuchtfröhlichen Abend mit jeder Menge Wodka handeln oder aber um die stille Aufnahme in die Familie, bei der die Mutter dich bekocht. Alles ist möglich, wenn man nett, höflich und respektvoll ist. Jedes Mal, wenn mir so etwas widerfährt, bin ich zu Tränen gerührt und verstehe die Welt manchmal nicht mehr. Ich denke dann immer: „Die haben doch nicht so viel Geld, warum geben die uns so viel Essen und bezahlen den ganzen Abend?“ Natürlich ist es falsch so darüber zu denken. Aber das ist das Problem was wir aus Deutschland mit auf die Reise bekommen. Wir denken wir besitzen mehr Reichtum, nur weil unser Bankkonto eine Null mehr hat. Wahrscheinlich ist deren Leben intensiver und reicher an Liebe und sie gehen ehrfürchtiger durchs Leben als wir es jemals tun würden. Ist unser Weg denn wirklich der Bessere? Mit all dem Stress, dem Geiz, der Eifersucht und dem materialistischen Denken. Sollten nicht andere Werte und Lebenssysteme im Vordergrund stehen? Sollten wir uns nicht gegenseitig helfen und die Zeit miteinander genießen? Mich macht es krank zu sehen, wie in Deutschland Zielen hinterher gehetzt wird, die uns innerlich auffressen.

Man könnte einen ganzen Zoo aufmachen

Das erste Land in dem wir es spürbar merken: frei laufende Hunde und Katzen. Quasi an jedem Schlafplatz kommen wir in Kontakt mit den lieben Vierbeinern. Gerne würden wir sie auch mitnehmen, zumindest einen von denen, aber die Aus- und Einreise in die EU ist nicht gerade einfach. Leider fehlt uns, aufgrund von diversen Treffen mit Freunden und Familie in anderen Ländern, momentan die Zeit dafür sie auch Teil unseres Lebens werden zu lassen. Aber wir kaufen fleißig Tierfutter ein, um ihnen einen schönen Abend zu bereiten mit einem richtigen Festessen. Geknuddelt wir natürlich auch immer.

Was wir aber noch nie gesehen haben ist die Vielzahl der Tiere am Straßenrand. Da tummeln sich Gänse, Hühner, Enten, Ziegen, Pferde und Kühe. Die Großen von ihnen sind auch sehr häufig angekettet und dienen den Menschen hier als Lieferant für Nahrung. Nicht direkt als Fleischlieferant, sondern eher die Milch und deren Weiterverarbeitung.

Wir sind von der Natur total überrascht

Wenn man sich über die holprigen Straßen kämpft, erhält man schon bald die Belohnung für diese Mühen. Wir hatten uns vor der Einreise eine Route zusammengestellt, die uns auch in die Kaparten, in den südwestlichen Teil der Ukraine führen sollte. Und der Umweg war eine gute Entscheidung. Wir waren über die bergige Landschaft sehr überrascht. So bot sich uns auch endlich eine spannende Abwechslung zu den flachen Landschaften in Polen und dem Baltikum. Die Hügel und Berge erstrahlten sehr grün und satt in der Ferne. 

Synevyr National Park

Synevyr National Park

In der Nähe von Odessa

Wir ließen es uns nicht nehmen eine Mittelgebirgstour zum höchsten Berg der Ukraine zu starten, dem Hoverla (2.060 Meter). Von dort oben wird man mit einem grandiosen Panorama beschenkt. Man konnte die gesamten Kaparten sehen, bis nach Rumänien. Eine Tour über die weiteren Gipfel in der Umgebung findet ihr auf meinem Komoot Profil, genauer gesagt hier. Die Tour lohnt sich wirklich. Aber Vorsicht vor der Anfahrt zum Startpunkt in „Zaroslyak“. Es ist eine ukrainische Straße. Das sagt schon alles. Aber diese ist noch um einiges schlimmer als wir gewohnt waren. Am besten ihr nehmt ein Taxi vom Bahnhof aus. Eine Fahrt kostet zwar rund 12 Euro, erspart einem aber jede Menge Nerven.

Blick vom Hoverla

Blick vom Hoverla

Angekommen auf dem Gipfel

Blick auf den Hoverla

Wir sehen nur Müll

Obwohl die Natur wunderschön ist und uns beide sehr überrascht hat, sind wir traurig. Man kann es leider nicht beschönigen. Überall am Straßenrand sehen wir Müll. Dabei reden wir nicht von einzelnen Kaffeebechern oder ein wenig Plastik. Nein, ganze Müllsäcke werden einfach ausgeleert oder hingeworfen. Selbst in den Flüssen wird der Müll haufenweise angeschwemmt. Der Höhepunkt war jedoch ein See, der beinahe komplett aus Plastikflaschen bestand.

Natürlich kann man den einzelnen Menschen die Schuld für die Misere geben. Meiner Meinung nach wissen sie es aber nicht besser und haben wahrscheinlich andere Probleme. Man müsste es an der Basis bekämpfen, die Menschen darüber aufklären, dass Plastik sehr schwer in der Natur zersetzt wird. Daher liegt die Verantwortung zu allererst in den Händen der Politik. Sie müsste den Menschen Möglichkeiten der Entsorgung geben und ein Pfandsystem für Flaschen einführen. Dadurch könnte man auch ein wenig Herr über die Armut in diesem Land werden, da bin ich mir sicher. Man muss sich nur vor Augen halten an wie viel potenziellem Geld wir vorbeigefahren sind. Wir hoffen die Ukraine bekommt es irgendwann in den Griff.

Kirchen mit goldenen Spitzen und etlichen anderen Verzierungen bauen sie ja auch in jedes Dorf. Da sollte ein wenig ökologisches Bewusstsein doch kein Problem sein. Nein im Ernst. Es scheint so, als ob die Ukrainer sehr gläubig sind. Dass es hierfür auch Kirchen gibt, ist natürlich verständlich. Dennoch, es sind wahre Diamanten die hier gebaut wurden. Die Architektur ist aber hier eher zweitrangig als das Baumaterial an sich. Gold oder zumindest Blattgold wohin man sieht.

Das Land, indem es ständig raucht

Während der Fahrt schauen wir uns öfters an und sagen: „Riechst du das? Ist irgendwas mit Justus?”. Doch dann erinnern wir uns. Es wird wieder Müll, Blätter oder Zweige verbrannt. Manchmal erscheinen Dörfer in einem merkwürdigen Dunst, der aber von den verwehten Rauchschwaden entsteht. In der Nase verfängt sich immer ein gewisser verbrannter Duft. Leider ein weiterer unschöner Fakt über die Ukraine.

Feuer & Rauch am Straßenrand

Löcher aus Keramik

Schöner oder weniger schöner Nebeneffekt, ihr könnt es euch aussuchen. Ich möchte es euch nur gerne mitteilen. In der Ukraine findet man gerne Toiletten, auf denen man sich nicht hinsetzen kann. Man muss sich hinhocken, egal bei welchem Geschäft. Aber es gibt eine voll funktionsfähige Spülung. Das ist das Beste daran. Das nicht so Schöne ist, dass das Klopapier teilweise nicht mit runtergespült werden darf. Die Kanalisation scheint nicht gut genug dafür zu sein. Mit unter sind diese Toiletten für manche traveller oder vanlifer super, blöd ist es nur, wenn man sich auf eine ganz normale Toilette freut und von so einem Anblick überrascht wird. Ich hatte es am Ende, sagen wir es mal so, nicht mehr so gemocht.

Kostet den Kirschlikör egal in welcher Stadt

Kommen wir zum Abschluss zu etwas Schönem. Und zwar zu einer Stadt, die uns unglaublich gut gefallen hat. Nein, es war nicht die Hauptstadt Kiew, sondern Lviv (deutsch: Lemberg). Nicht weit von der polnischen Grenze entfernt. Eine schöne, alte, mittelgroße Stadt mit verrückten Bars und kleinen engen Straßen. Ein paar kleine Tipps von uns, was ihr nicht verpassen solltet: die Aussicht vom Rathausturm über die gesamte Stadt, den landestypischen Kirschlikör sowie zwei tolle Bars.

Die erste liegt im Hinterhof und heißt „Kryivka“. Man kommt nur mit einem Passwort am militärischen Wachposten vorbei. (ukrainisch: „Slava Ukraini“, englisch: „Glory Ukraine“). Die andere ist deswegen schön, weil man über jede Etage ein neues Themenzimmer hat und auf der Dachterrasse sein Bier am Abend in einem Trabant genießen kann. Diese Bar heißt „Quirky Bar“.

Lviv – Blick vom Rathausturm

Lviv – Quirky Bar

Lviv – Bücherflohmarkt

Lviv – Der Platz der verlorenen Kuscheltiere

Czernowitz – Jüdischer Friedhof

Kiew als Hauptstadt ist groß, hat aber auch tolle Viertel und eine sehr große Vergangenheit. Auf dem Maidan zu stehen und an die Bilder in den Nachrichten zu denken war ein einschneidender Moment für mich. Aber auch durch das „Geisterviertel“ zu gehen war grandios. Hier sollte ein Viertel für Reiche entstehen. Alles scheint vorbereitet zu sein, nur die Reichen hatten es sich anders überlegt und wollten lieber woanders wohnen. Tja, so kann es passieren. Wenn ihr ein Bier trinken wollt, dann geht zum „Living room“. Hier haben wir schnell Anschluss gefunden und sind dann später durch die Clubs in Kiew gezogen. Aber fragt uns jetzt nicht mehr wie die heißen.

Kiew – St.-Andreas-Kirche

Kiew – Maidan

Kiew Vorstadt

Fazit

Wie ihr seht, gab es einige sehr große Überraschungen, im Positiven wie auch im Negativen. Was uns interessieren würde: Wart ihr auch schon in der Ukraine? Wie empfandet ihr die Situation dort? Was hat euch überrascht oder traurig gemacht? Schreibt uns gerne, wir freuen uns über jede Antwort.

Burg Kamianets-Podilskyi

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